Spezialerwähnung des Jahres
Ungfell – De Ghörnt
Für meine bewährte Top 10 müsst ihr euch heuer noch ein wenig gedulden, dafür gibts eine Überraschung dazu. Meine Spezialerwähnung des Jahres geht jedenfalls an Ungfell, eine Band, die ihr Album (De Ghörnt) schon Ende letzten Jahres veröffentlicht hat. Meine Vorfreude war groß – und dann gings im vorweihnachtlichen Trubel einfach unter. Erst knapp nach Jahreswechsel wurde ich auf mein Versehen aufmerksam, aber wusste immerhin sofort nach dem ersten Hören, dass meine Spezialerwähnung damit fix ist. Letztes Jahr wär das wahrscheinlich auf Platz 2 gelandet, heuer auf Platz 1. Somit tut es mir wirklich leid, dass ich die Band um die gebührende Platzierung gebracht habe, aber in der Spezialerwähnung kann ich mir zumindest etwas mehr Raum geben.
Jedenfalls, wenn ein Album „De Ghörnt“ heißt, fallen zwei Dinge auf: 1. Die Sprache ist hier nicht Standarddeutsch. Das habt ihr völlig richtig erkannt, die Band verwendet auf ihren letzten Alben nur mehr Schwyzerdütsch. 2. Der Gehörnte könnte der Teufel sein. Damit liegt ihr aber falsch, es geht um den Rollibock. Um wen? Na den Rollibock! Eine Sagengestalt in Form eines Geißbocks, der die Natur seines Heimatgletschers beschützt. Als nun ein Wilderer kommt und zuerst Edelsteine stiehlt und zerstört und schließlich auch noch eine Gams mit ihrem Kitz schießt, lockt ihn der Rollibock ins Verderben und lässt das Tal unter sich im Gletschersee versinken. Die Band selbst ist derzeit einer der heißesten Undergroundtipps im Black Metal, soweit ich die Szene noch überblicke, und das völlig zu recht. Allein dieser Song bietet alles vom akustischen Anfang über wohlig warme Winterweisen (1:27) zur rotglühenden Raserei (5:19) bis hin zu einem epischen Ende (7:03), das euch stundenlang in den Ohren bleiben wird. Und manchmal übrigens – so erzählt man sich – sieht man ihn noch im Gletscher herumirren, den verwunschenen Jäger. Den Geist vom Märjelensee. Phänomenales Album einer phänomenalen Band.
Top 10
Meine Top 10 des Jahres möchte ich wieder einmal unter das Thema der Danksagung stellen, weil uns heuer zwei bedeutende Musiker verlassen haben. Zum einen Tompa Lindberg von At The Gates, der für mich als alten Göteborger viel gemacht hat. Aber in einer völlig anderen Dimension ist natürlich Ozzy Osbourne, der für uns Metaller alles getan hat. Nur bei wenigen Menschen kann man wirklich sagen, dass ohne sie die Welt heute eine andere wäre. Aber vielleicht noch beeindruckender als Ozzy Osbournes Leben war sein Tod. Ein Tod, von dem er wusste, dass er kommt, und dem er noch einmal ein Schnippchen schlagen wollte, die originalen Black-Sabbath-Mitglieder zusammentrommelte, und alle Konflikte für dieses Abschiedskonzert beiseitegelegt wurden. Und dann hat er sich nur noch auf dieses letzte Konzert vorbereitet. Massiver Respekt dafür. Das gibts ja ganz oft bei alten, dem Sterben nahen Menschen, dass sie noch auf ein Ereignis hinarbeiten und dann sterben. Meistens halt ein Geburtstag, Weihnachten, Geburt von einem Enkerl etc, bei ihm wars einfach der letzte Auftritt mit der ersten Metal-Band der Geschichte. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Legende wie Ozzy Osbourne noch legendärer hätte werden können. Ich ziehe meinen Hut. Servus Ozzy, danke!
10. Cytotoxin – Biographyte
Immer wenn ich die Band höre, bekomme ich das Bedürfnis, die grandiose Chernobyl-Miniserie wieder anzusehen und mich stundenlang in Wikipedia-Artikeln über die Tschernobyl-Katastrophe zu verlieren. Ihr lyrisches Territorium ist somit ähnlich gut bekannt und zugegebenermaßen eng abgesteckt wie ihr musikalisches und doch fällt ihnen auf jedem Album wieder etwas Neues dazu ein. Dieses Mal liegt der Fokus noch mehr als sonst auf ihrer zum Zunge schnalzen grandiosen Technik und köstlichen Melodien, nicht nur in den Soli, sondern auch in den Riffs. Ihr hauseigener Groove rückte hier ein wenig in den Hintergrund, was jetzt kein großes Problem ist, aber manchmal würde man halt doch gern einfach nur den Kopf ausschalten und durch die nukleare Wüste stampfen.
9. Rivers Of Nihil – Rivers Of Nihil
Mit zwei Band-Abgängen seit dem letzten Album, darunter dem Sänger, sieht die Band zwar heute anders aus, klingt aber dafür erstaunlich konstant. Auch das Saxophon spielt immer noch eine integrale Rolle in der Musik, diesmal teilweise unterstützt von einem Banjo. Die Musik basiert weiterhin auf ihrer Erfolgsformel von 2018, wobei die Experimente im Vergleich zum Vorgänger etwas zurückgefahren wurden und sie jetzt wieder songdienlicher vorgehen. Was ebenfalls gleich geblieben ist, ist, dass auch dieses Album ähnlich viel „Arbeit“ erfordert, um die vielen Breaks und Stimmungswechsel zu verarbeiten. Ich bin nicht 100%ig überzeugt, ob ich diese Formel dauerhaft gut finden werde, aber noch überwiegt das Positive.
8. Beheaded – Għadam
Beheaded ist eine Band, die sich Anfang der 90er einen gewissen Namen im Brutal Death Metal gemacht hat, mir aber bis jetzt völlig unbekannt war. Aber um heutzutage in mein Bewusstsein zu dringen, braucht eine Band – gerade im Death Metal – das gewisse Extra. Ein Albumname aus einem nicht erkennbaren Wort einer nicht erkennbaren Sprache, idealerweise mit Sonderzeichen, bietet hier also beste Voraussetzungen. Für ihr neues Album hat sich die Band nämlich für ein Konzeptalbum zur Horrorliteratur eines heimischen Autors in ihrer Muttersprache Maltesisch entschieden. Maltesisch ist ja am Ende des Tages doch nichts anderes als ein arabischer Dialekt, der sich seinen europäischen Adoptiveltern zuliebe für lateinische Buchstaben entschieden hat, und das erkennt man z. B. am Beispielsong. Dieser wartet noch dazu mit einigen Sprechpassagen (4:09) auf, die melodisch untermalt (4:35) und emotional (5:18) dargeboten werden. Bei Stilbrüchen haben Neueinsteiger wie in diesem Fall ich einen Vorteil, da wir mit frischen Ohren und ohne Voraussetzungen in die Musik gehen. Ich kann nämlich die langgedienten Anhänger der Band durchaus verstehen, die den früheren Brutal Death zurückwollen. Als Neueinsteiger haben wir aber beides: ein fantastisches neues Album und einen exzellenten Backkatalog an zu entdeckenden Alben.
7. The Halo Effect – March of the Unheard
Zum Debüt dieser Göteborger-All-Star-Band habe ich 2022 geschrieben, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, aber wir uns auf den Glanz konzentrieren. Jetzt, beim zweiten Album hören wir die Musik aber, ob wir wollen oder nicht, wie eine normale Band, ohne den Schleier der Nostalgie, ohne die Euphorie des Neuen. Und die Musik ist die gleiche wie vor 3 Jahren und auch die gleiche wie vor 25 Jahren, aber sie ist halt auch immer noch gut. Der Klargesang (1:16) ist merkbar weniger als auf dem ersten Album, und ich wäre auch gut ganz ohne ihn ausgekommen, aber wenn er wie in diesem Song als künstlerische Notwendigkeit eingesetzt wird und nicht als massenschmeichelndes Abrunden der Ecken, dann soll es mir recht sein.
6. Rwake – The Return of Magik
Diese Band (das R bleibt angeblich stumm) kenne ich nur durch einen Song von ihrem Album von vor 14 Jahren, zu dem sie das vielleicht beste, auf jeden Fall aber eindrücklichste Video überhaupt aufgenommen haben. Die Musik dazu war gut, aber nicht so, dass ich mich näher damit beschäftigt hätte. Als ich dann heuer sah, dass sie wieder aktiv sind und ein neues Album haben, nützte ich die Gelegenheit, um die Band besser kennenzulernen. Grund für mein Zögern ist auch, dass ihr Genre nicht mein Spezialgebiet ist. Manchmal aber gibt es ganz einfach nichts besseres als dreckigen Südstaaten-Sludge, mit viel Hardcore, Doom und keiner Scheu, einfach einmal der Melodie zu folgen, zu schauen, wo sie hinführt, und Experimente zu wagen (2:33). Grandios die gesprochenen (geklagten? gerufenen?) Texte über melodischem Schlurfen (3:20) und die ausladenden Soli (6:02).
5. Sun After Dark – Tatkraft
Ich war seit Langem auf kein neues Album mehr so gespannt, wie auf dieses hier. Sämtliche Nebenprojekte von ehemaligen Lunar-Aurora-Mitgliedern hab ich schon ausprobiert, manche besser, manche weniger, aber nichts davon der Real Deal. Als es dann hieß, dass Benjamin König selbst, der Gitarrist und Songwriter wieder Metal machen würde, war ich hellauf begeistert, auch wenn schon die Rede davon war, dass es sich nicht (nur) um Black Metal handeln würde und verschiedenste persönliche Vorlieben ausprobiert werden sollten. Das zweite Hauptmitglied ist der Sänger von Empyrium, und damit haben wir auch schon die zwei Haupteinflüsse. Viele Electronics/Symphonics mit elegischem, spacigem Klargesang (1:09), der meist englisch gehalten wird und von zwei Gastsängern unterstützt wird. Der eine (2:20) mit stimmhaftem Schreien, meist auf Englisch oder Standarddeutsch, und schließlich der Sänger von Gràb, den legitimen Nachfolgern von Lunar Aurora, mit Black-Metal-Gesang im bairischen Dialekt (2:48). Und ein Refrain wie dieser (3:12) funktioniert halt auch nur im Dialekt.
Die große Erwartung Lunar Aurora wurde zwar großteils bewusst vermieden, aber mit einem Lied widmeten sie uns doch einen sehr offensichtlichen Gruß der Vergangenheit. War es 2012 noch der „Reng“, so ziehen wir heute durch den „Näbe“. Gemeinsam mit neuerdings vereinzelten Festival-Darbietungen des legendären Hoagascht-Albums ist Dialekt-Black-Metal lebendig wie nie, und es ist wunderschön.
4. Cryptopsy – An Insatiable Violence
Über Cryptopsy wurde ja schon alles gesagt. Getragen vom Schlagzeuger griff diese Band nur einmal wirklich daneben, laboriert an den Folgen aber bis heute. Vor allem, weil die damalige Besetzung, vor allem hinsichtlich des Sängers, zwar für den Fehlgriff gedacht war, aber bis heute besteht. Der damals neue zweite Gitarrist hat sich schnell eingelebt und füllt seine Rolle auch alleine längst einwandfrei aus. Der Sänger wurde dagegen für Deathcore geholt und sollte plötzlich Death Metal singen – und das konnte er einfach nicht. Meine Beschwerden dahingehend dürften regelmäßigen Lesern ja durchaus schon aufgefallen sein … Aber ich gestehe ihm eines gern zu, er wollte nicht ersetzt werden, sondern an sich arbeiten, und das hat er getan. Er steigerte sich von Aufnahme zu Aufnahme und ist mittlerweile ein durchaus passabler Death-Metal-Sänger. Der Zyniker in mir würde sagen, dass normalerweise keine 18 Jahre Einlernzeit zugestanden werden, bis jemand seinen Job beherrscht, aber dieser Zyniker durfte sich eh schon seit seinem Einstieg austoben. Der stets aufmunternde und hilfsbereite Familienvater in mir sagt, schau, was mit Fleiß und harter Arbeit alles möglich ist. Vor allem aber liegt der Fokus bei dieser Musik ja sowieso bei den Instrumenten, und die sind wie üblich über alle Zweifel erhaben.
3. Retromorphosis – Psalmus Mortis
Schon wieder eine Band mit ihrem Debüt unter den Top 10? Sogar unter den Top 3? Aber ähnlich wie bei Sun After Dark handelt es sich hier keineswegs um Neulinge, tatsächlich besteht diese Band bis auf einen neuen Schlagzeuger exakt aus der letzten Besetzung der legendären Spawn Of Possession. Eine Reunion unter diesem Namen hätte ihnen sicher noch mehr Publicity eingebracht, aber das wollten sie nicht und angesichts ihres Könnens brauchen sie das auch nicht. Der Beispielsong erinnert an Apparition vom letzten Album und lässt sofort ein längeres Stück vermuten. Das trifft zwar zu, wurde aber aus irgendeinem Grund nicht als Albumabschluss gewählt. Sobald die Band einsetzt (0:46) weiß man, was Sache ist. Langsamer, düsterer, bleischwerer Death Metal, der rasch zum bekannten Tech Death wechselt (1:30). Wechseln ist ein gutes Stichwort, Riffs, Tempi und Stimmungen werden hier im Sekundentakt gewechselt, wir wechseln von grandios headbangtauglichem Gestampfe (3:07) zu symphonischem Tech Death (4:41) und gehen zurück zum Headbangen (6:00). Das tiefenlastige Donnergrollen wird nur durchschnitten von aufblitzenden Soli (5:41, 6:19), in denen wir uns erinnern, dass ja auch ein gewisser Christian Münzner dabei ist.
2. Arkhaaik – Uihtis
Arkhaaik ist eine Band aus dem früher unter Helvetic Underground Committee, heute Jünger Tumilon bekannten Kreis aus Züricher Musikern, die in wechselnden Besetzungen die für mich heute kreativste Szene im Black Metal bilden. Ungfell sind die wahrscheinlich bekannteste daraus, Arkhaaik die spannendste. Ich verwende ja oft meinen Begriff des „Höhlendeathmetal“ für Bands aus dem Death/Black/Doom-Spektrum, die alle recht ähnlich klingen und Probleme mit guten Riffs und Songwriting haben. Diese Band dagegen passt perfekt zum Begriff und schafft es trotzdem, richtig gute Musik zu machen. Bandkonzept ist die Bronzezeit, die Hingabe dazu ist 100 %. Das heißt zwangsläufig, dass sie in auch in der entsprechenden Sprache singen müssen und sich zu diesem Zweck mit einer Sprachwissenschaftlerin zusammengetan haben, um das rekonstruierte Protoindogermanisch formulieren und aussprechen zu können. Dankenswerterweise haben sie sich auf diesem Album für die Kurzversion der Titel entschieden und nicht die linguistisch korrekte Version mit einem Sammelsurium an Grammatik-/ und Aussprachezeichen (diese gibt’s nur in den Lyrics selbst). Wir hören eine Menge Soundeffekte für die Atmosphäre und eine Basis von Death/Doom Metal (2:14), der immer wieder in absolut tödliche Black Metal Riffs übergeht (4:29) und auf primitives Gehüpfe nicht verzichtet (5:10). Apropos Gehüpfe, Uihtis bedeutet Jagd und wer mir sagt, dass er bei 8:14 nicht in Fell bekleidet ums Lagerfeuer hüpfen will, um den Göttern für den erlegten Hirsch zu danken, der lügt.
1. Gràb – Kremess
Es kommt nicht oft vor, dass Musiker in verschiedenen Formationen in meinen Top 10 landen, aber hier haben wir wieder so einen Fall. Gràb habe ich einige Plätze zuvor zu den legitimen Nachfolgern von Lunar Aurora erklärt, und jetzt stehen wir vor dem Problem, dass sie aufgrund der angeschlagenen Gesundheit des Sängers/Bandkopfs nach dem gerade erst erschienenen zweiten Album schon wieder ihr Ende bekanntgaben. Ihr Debüt fand ich sogar noch besser, obwohl dieses damals „nur“ auf Platz 2 landete, aber auch ihr Kremess (= Leichenschmaus, vielleicht von Begräbnis/Begräbnis-Messe) findet direkt in mein Herz. Herz ist ein gutes Stichwort, da man Black Metallern dieses ja nicht unbedingt als Haupteigenschaft nachsagt. Aber wenn sich die Gitarrenmelodie langsam aufbaut, sie in feinsten Black/Doom mündet (1:39) und der Sänger sein Herz ausschüttet (2:18), dann spürt man die Trauer, die in diesem Song steckt. Wunderschön eingesetzte traditionelle Instrumente wie Hackbrett (5:45) tun ihr Übriges, bis man am Ende des Songs von einem völlig transzendenten Heavy-Metal-Solo (9:28) überrascht wird. Und ja, ich behaupte, wenn jemand so singt, wie er spricht, hat das noch eine andere Dimension der Ehrlichkeit, und wenn der Empfänger auch so spricht, ermöglicht das eine Verbundenheit, die ich mit anderer Musik nur selten erreiche. Und nein, es geht hier nicht um den letzten Winter der Frau des Sängers, vielleicht Mutter, vielleicht sogar Kind. Aber wem widmete denn der Sänger dieses Lied, weil ihn sein Abschied so sehr bewegte? Seinem Hund.
Spotify: https://open.spotify.com/playlist/2OV6IMkYqmTMxZg3Oou4bT?si=RR6Y_oTfT-uTvwceszqWWg

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