Spezialerwähnung des Jahres
Wie üblich gibt es, bevor wir mit der Lieblingszeit aller beginnen (Top-10-Saison!), die traditionelle Ouvertüre: die Spezialerwähnung des Jahres. Wie in den letzten Jahren bei Black Sabbath und At The Gates geht sie erneut an eine Band, die seit Jahrzehnten eine Konstante in der Szene ist und nach wie vor zu den wichtigsten Einflüssen für neue Bands zählt. Natürlich spreche ich von niemand Geringerem als Slayer. Zusätzlich zum schmerzhaften Verlust ihres Gitarristen Jeff Hanneman haben sie sich auch noch von ihrem Drummer getrennt – als Teil der zuletzt sehr beliebten Seifenoper rund um Bands, die ihre Schlagzeuger rausschmeißen. Das Spektrum reicht dabei von scheinbar nicht ganz so schlimm (Black Sabbath) über ziemlich schlimm (Sólstafir) bis hin zu einfach nur herzzerreißend traurig (Cynic). Rein aus Drummer-Solidarität bin ich #teamlombardo, aber ich muss zugeben: 50 % Slayer sind immer noch besser als gar kein Slayer.
Slayer – Repentless
Aber ich verliere mich schon wieder, wollten wir nicht eigentlich über die Musik reden? Richtig. Also: Ist ein neues Slayer-Album 32 Jahre nach dem Debüt noch relevant? Einflussreich? Notwendig? Keine Ahnung. Ist es hörenswert, ein schöner, wütender Schritt nach vorne im Vergleich zum letzten Album und ein weiterer Grund, weiterhin auf ihre Konzerte zu gehen? Definitiv.
Top 10
Überfüllte Einkaufszentren, dieselben alten Songs im Radio, Familientreffen. Das ist Weihnachten, und wir wollen es vielleicht nicht wahrhaben, aber wir lieben es. Eine weitere Sache, die ihr vielleicht leugnen wollt, ist, dass die meisten von euch Weihnachten inzwischen wahrscheinlich nicht mehr vollständig genießen könnten ohne meine Jahresend-Top-10. Feiert! Sie ist da!
Dieses Jahr hätte ich euch sehr gerne die brillanten Irreversible Mechanism aus Weißrussland vorgestellt, einem Land, das nicht gerade für eine lebendige Death-Metal-Szene bekannt ist, sowie Ouroboros aus Australien, die vor einigen Jahren mit einem sehr vielversprechenden Debüt große Erwartungen geweckt haben. Stattdessen muss ich sie – und euch – zunächst mit drei simplen, aber extrem wichtigen Regeln für den Einzug in meine exklusive Top 10 vertraut machen:
- Benutzt keine symphonischen Elemente im Death Metal.
- Benutzt überhaupt keine symphonischen Elemente, es sei denn, ihr seid Dimmu Borgir.
- Seid nicht Dimmu Borgir.
Nachdem das nun geklärt ist, schauen wir mal, wer sich an die Regeln gehalten hat:
Ohne Platzierung: Jack Frost – Mélaina Cholé
Diese Band hat sich an die Regeln gehalten, aber ich muss noch eine weitere Regel einführen:
Wenn ihr für meine Top 10 in Betracht gezogen werden wollt, bemüht euch bitte ganz stark, euer Album früher als zwei Wochen vor Weihnachten zu veröffentlichen. Ich muss sie trotzdem erwähnen, weil sie einfach zu gut sind, um ignoriert zu werden, und weil der lokale Underground diese Unterstützung verdient. Irgendwo zwischen Doom, Gothic und New Wave ist das Musik über ein gescheitertes Leben. Niederlage. Resignation. Aufgeben. Um 4 Uhr morgens allein an der Bar sitzen, kalter Rauch um dich herum, ein halb leeres Glas Whiskey in der Hand, und dem Barkeeper von diesem Leben erzählen. Nicht klagend, nicht akzeptierend, vielleicht ein bisschen ironisch darüber sprechend, was schiefgelaufen ist. Keine Band fängt dieses Szenario besser musikalisch ein.
10. Nile – What Should Not Be Unearthed
Ihr letztes Album enttäuschte viele Fans mit seiner sehr klaren und sterilen Produktion, was mich nicht besonders störte, da die Band genau das tat, was sie sollte: hörbar machen, was sie tatsächlich spielen. Und das ist bekanntlich verdammt viel Musik in erschreckend kurzer Zeit. Um Fans und Kritiker zurückzugewinnen, kehrten sie nun zu einer matschigeren Produktion und einem deutlich brutaleren Ansatz zurück. Und siehe da: Ich habe auch kein Problem damit, wenn Death Metal brutal ist. Allerdings hört man diesem Album Motivation, Entstehungsprozess und Zweck an, und so hängt es irgendwo zwischen den verschiedenen Facetten dieser Band fest. Nile biegen sich, aber sie brechen noch nicht. Außerdem sichert allein das Lead- und Solospiel im verlinkten Song ihnen einen Platz auf dieser Liste.
9. Mgła – Exercises In Futility
Alle einsteigen in den Hype-Zug? Diese polnische Band (angeblich „mgwa“ ausgesprochen, falls ihr euch gefragt habt) sorgt seit einigen Jahren für Aufsehen, besonders mit ihrem neuesten Werk, das es praktisch unmöglich macht, nicht über ihren Namen zu stolpern, und ihnen einen Platz auf unzähligen Jahresbestenlisten eingebracht hat. Zu Recht, denn es bietet einen erfrischenden Zugang zu Black Metal und vergisst – im Gegensatz zu vielen anderen Bands mit ähnlich trostloser Atmosphäre – nicht auf eingängige und melodische Riffs. Unkonventionell, kompromisslos und unbestreitbar gut.
8. Ahab – The Boats Of The Glen Carrig
Seit ihrem hochgelobten Debüt 2006 haben sie zwei weitere Alben veröffentlicht, ohne auch nur einen schlechten (oder auch nur durchschnittlichen) Song abzuliefern, während sie ihren Sound stetig weiterentwickelten. Dieses Mal haben sie es mit Post-Rock-, Sludge- und ähnlichen Experimenten vielleicht etwas übertrieben. Zum ersten Mal in ihrer Karriere gibt es durchschnittliche Songs, die ihr Ziel verfehlen und eher mäandern als fließen. Umso beeindruckender ist es, dass sie es in einem extrem starken Jahr für Funeral Doom Metal dennoch auf diese Liste schaffen.
7b. Cryptopsy – The Book Of Suffering – Tome 1
Ich schummle hier ein wenig, weil ich diese Veröffentlichung unbedingt einbeziehen muss, sie aber realistisch nicht mit einer 67-minütigen Funeral-Doom-Platte vergleichen kann. Also behandle ich diese 17-minütige Death-Metal-EP hier wie ein Album, ohne dafür ein anderes Full-Length rauszuwerfen. Musikalisch befinden sich Cryptopsy immer noch auf einer Art Wiedergutmachungstour nach ihrem… nun ja, dem Album-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf von 2008. Zum Glück tun sie wieder das, was sie am besten können und was Fans hören wollen: rasenden, ständig wechselnden, dabei erstaunlich eingängigen Technical Death Metal. Über die Vocals möchte ich eigentlich nicht jedes Mal sprechen, aber der „neue“ Sänger ist schlicht kein besonders guter Vokalist oder Texter. Alles klingt angestrengt und müde, also reden wir doch lieber über Flo Mounier, denn alles, was er am Schlagzeug macht, klingt natürlich und mühelos. Und er macht eine Menge.
7. Wiegedood – De Doden Hebben Het Goed
Ich durchforste den Black-Metal-Underground nicht so systematisch wie den Death Metal, deshalb finde ich neue Bands nicht – ich stolpere über sie. Dieses Jahr bin ich über diese Truppe aus Flandern gestolpert, deren Mitglieder sich bereits in anderen Bands (Amenra usw.) und Genres einen Namen gemacht haben. Ich verstehe die Kritik an diesem Debüt bezüglich Wiederholung, Monotonie und Vorhersehbarkeit, aber solange es funktioniert, ist das für mich in Ordnung. Und es funktioniert. Es erzeugt eine einzigartig dichte Atmosphäre. Ich halte das weder für eine weitere Post-Rock-Band, die Black Metal spielen will, noch für ein One-Hit-Wonder. Allerdings ist der überragende Opener tatsächlich ein monumentales Biest von einem Song und gehört zu den intensivsten des Genres.
6. Cattle Decapitation – The Anthropocene Extinction
Ich werde nicht behaupten, dass ich den Durchbruch von Cattle Decapitation ausgelöst habe, aber ich hatte ihr Album des Jahrzehnts, Monolith Of Inhumanity, 2012 auf Platz 1 – und es wurde ein großer Erfolg. Zufall? Ich denke nicht. Nachdem sie sich musikalisch mit jedem Album weiterentwickelt und experimentiert haben, versuchen sie nun allerdings zu sehr, die erfolgreiche Formel zu kopieren und all das zu wiederholen, was das letzte Album so herausragend machte – nur ohne das vermeintliche „Füllmaterial“. Genau dieses Fundament hat die Musik jedoch zusammengehalten und den Highlights Raum gegeben. Hier werden wir mit konstruierten Highlights bombardiert. Die einzelnen Songs funktionieren und machen das Album wirklich gut, aber eben nicht mehr ganz so neu, nicht mehr ganz so frisch und ein kleines bisschen weniger spannend.
5. My Dying Bride – Feel The Misery
Manchmal müssen wir aufhören, so zu tun, als wären wir alle erwachsen, und einfach das 15-jährige Gothic-Mädchen in uns umarmen. Für genau diese Momente ist My Dying Bride die ultimative Anlaufstelle. Eine Band, die sich weiterentwickelt hat, aber im Vergleich zu ihren britischen Kollegen immer noch am nächsten am frühen Death/Doom der frühen Neunziger ist. Klagender Gesang, wütende Growls, wunderschöne Melodien und diese geisterhafte Violine – alles ist wieder da. Warum ich mit ihrem letzten Album nicht warm geworden bin, weiß ich selbst nicht so genau, aber dieses hier packt mich wieder voll. Passenderweise trägt es den Titel Feel The Misery. Apropos großartige Songtitel: Was möchtet ihr hören – „I Celebrate Your Skin“ oder „I Almost Loved You“? Ich könnte in all diesen Klischees baden, es ist nicht mal mehr lustig …
4. Marduk – Frontschwein
In den letzten Jahren ist Hipster-Black-Metal zu einem Ding geworden. Oder Post-Black-Metal, wie sie es nennen. Kein Corpsepaint, kein Image, nur ach so tiefgründige Kunst. Emotionale Musik mit emotionalen Texten. Und dann gibt es Marduk. Kriegsmusik mit Kriegstexten. Seit 25 Jahren machen sie ihr Ding, und es ist ihnen immer noch egal. Thematisch kehren sie mit diesem Album zum Zweiten Weltkrieg zurück, was ihnen gut steht. Mortuus liefert erneut eine unmenschliche Gesangsleistung ab, und die Musik wechselt sich diesmal fast zwischen langsamen und schnellen Songs ab – alle gleichermaßen gnadenlos. Wenn ihr Marduk bisher nicht mochtet, wird dieses Album eure Meinung nicht ändern. Wenn ihr ihr Konzept etwas albern findet, werdet ihr das vermutlich weiterhin tun. Aber wenn ihr manchmal einfach aufhören wollt zu denken, zu grübeln, zu bewerten, und stattdessen kompromisslosen Black Metal hören wollt – roh, direkt und ohne Schönfärberei –, führt kein Weg daran vorbei.
Zwei Bands, die ich dieses Jahr fest als Nummer-1-Kandidaten eingeplant hatte, haben ihre Alben leider auf nächstes Jahr verschoben. Das bedeutet nicht nur, dass ich vermutlich schon weiß, was nächstes Jahr ganz oben stehen könnte, sondern auch, dass diesem Jahr – trotz der enormen Qualität – das eine bedingungslose Album des Jahres fehlt.
Also lasst uns auf den Podestplätzen einfach Death Metal als Ganzes feiern. Erinnert ihr euch daran, wie wir vor ein paar Monaten 30 Jahre dieses Genres gefeiert haben? Wisst ihr noch, wie das klang? Hört euch die Musik an, die nun folgt, wie sie sich über die Jahre entwickelt hat, und schätzt, wozu der menschliche Geist fähig ist.
3. Abhorrent – Intransigence
Der Name „Spawn Of Possession“ sollte euch bereits sabbern lassen – und ebenso die Tatsache, dass deren Bassist auch hier mitspielt. Er ist einer der Besten seines Fachs und hat keinerlei Angst, das zu zeigen. Dazu kommen der ehemalige Drummer von The Faceless sowie einige namhafte Gastauftritte. Aber es sollte nicht ums Namedropping gehen, sondern um die hervorragenden Fähigkeiten, die hier für eingängiges und effektives Songwriting genutzt werden. Ist das außergewöhnlich anders oder besser als das, was unzählige ähnliche Bands machen? Nein, das kann ich ehrlich gesagt nicht behaupten. Aber es ist hervorragend umgesetzter, schnörkelloser Technical Death Metal, und in einem Jahr, das meine Erwartungen nicht ganz erfüllt hat, vergebe ich dafür gerne die Bronzemedaille.
2. Abyssal – Antikatastaseis
Ich bin kein besonders großer Fan von Bands wie Portal, die in den letzten fünf bis zehn Jahren so populär geworden sind, da sie sich für meinen Geschmack oft zu sehr auf Atmosphäre verlassen und dabei gute Riffs vernachlässigen. Diese Band hat bereits mit ihrem letzten Album gezeigt, dass sie beides kann, und tut es hier erneut. Sie ziehen dich vielleicht in den tiefsten Abgrund des Grauens, nur um dich im nächsten Moment mit einem plötzlichen Ausbruch seltsam genießbarer Riffs zu überwältigen – oft eingängig, fast melodisch, dabei aber immer tiefschwarz im Gefühl. Wie schon auf dem Vorgänger sparen sie sich das Beste für den Schluss auf: ein Song, der zehn Minuten lang eine toxische, feindselige Atmosphäre aufbaut, nur um dann in zwei absurd glücklichen, tanzbaren Minuten zu explodieren. Wir gehen vielleicht unter – aber wir gehen tanzend unter.
1. Gorod – A Maze Of Recycled Creeds
Manche Menschen denken, Death Metal sei laut und brutal – und manchmal ist er das und muss es auch sein. Aber sehr oft ist er es eben nicht. Hört euch einfach dieses Album an, das vor Melodie nur so trieft, ständig die Richtung wechselt, unterschiedlichste Einflüsse kombiniert, jazziges Schlagzeugspiel, kreative Riffs und alles in stringentes Songwriting packt. Natürlich wird das Ganze mit einer geradezu unfassbaren instrumentalen Virtuosität dargeboten.
Andere wiederum behaupten, diese Art von Technical Death Metal sei ungenießbar, weil sie sich zu sehr auf musikalisches Können konzentriere. Erstens: Ja, manchmal tut sie das – und manchmal muss sie das auch. Zweitens: Manchmal ist sie dabei einfach extrem unterhaltsam, eingängig und die ultimative Feel-Good-Party-Musik.
Fazit: Wenn es um Emotionen geht, stimme ich zu, dass Black- oder Doom-Metal oft die bessere Wahl sind. Aber rein musikalisch betrachtet ist Death Metal das bessere Genre, und ich erkläre diese Aussage hiermit zur unumstößlichen Tatsache.

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