Spezialerwähnung des Jahres

Jack Frost – New Dawn Fades

Die Top 10 des Jahres werden wie üblich mit der Spezialerwähnung eingeläutet. Diese geht an eine lokale Band, Jack Frost aus Linz, die nach 30 Jahren ihr Schaffen mit einer EP beendeten. Streng genommen hätten sie heuer nur dieses Jubiläum feiern wollen, aber die Krebserkrankung des Sängers raubte ihm nicht nur seine Stimme, sondern führte auch dazu, dass ihr Jubiläumskonzert zu einem Abschiedskonzert mit einem befreundeten Sänger, Michelle Darkness von End of Green, wurde. Mit diesem nahmen sie auch zwei Songs auf und gaben sie auf diese kleine Abschieds-EP. From Here I Walk Alone war schon auf der 2020er EP (mit dem Original-Sänger alleine) und war auch der Abschlusssong am Konzert. Musikalisch ja an sich schon super, aber mit den Erinnerungen vom Konzert schnürt es mir beim Hören jedes Mal den Hals zusammen. In diesem Sinne: support your local underground! Man weiß ja nie, wer sich davon zu einer jahrzehntelang aktiven Szenelegende entwickelt.

Top 10

2023 war für mich das Jahr der zwei Hälften. Die erste Hälfte ist gefühlt 5 Jahre her, und in der zweiten war die ohnehin schon begrenzte Zeit für Musik noch einmal deutlich weniger. Trotzdem landeten am Ende so viele neue Alben in meiner Sammlung wie seit 2016 (!) nicht mehr. Aber bevor ihr glaubt, dass ich jetzt, verheiratet und Papa, altersmilde geworden bin und nicht mehr so entsetzliche Musik von Bands mit entsetzlichen Namen und entsetzlichen Texten höre, kommen wir zur ersten Band: Dying Fetus – Make Them Beg For Death. Noch Fragen? Leider muss ich gestehen, dass sie es in Wahrheit haarscharf doch nicht in die heuer so kompetitiven Top 10 geschafft haben, aber ob ich altersmilde geworden bin, das sehen wir uns jetzt an.

10. Ahab – The Coral Tombs

Oh, Carcass konzentrieren sich wieder auf ihre Wurzeln! Das könnte man sich zumindest denken, wenn man die ersten Sekunden des neuen Albums von Ahab hört. Erst wenn der unerwartete Sturm vorbeigezogen ist, segeln wir wieder in ruhigere Gefilde. Es dominiert der Klargesang, der wie eine einsame Möwe über den Schiffbrüchigen schwebt und Hoffnung vermittelt. Aber wir wissen, was unter der Wasseroberfläche wartet: ultratiefe Growls, die einen langsam, ganz langsam in die Tiefe ziehen. So gut die bewährte Formel funktioniert, so bekannt ist sie halt. Und damit reicht The Coral Tombs für mich nicht ganz an die anderen Alben der Band heran. Das soll aber nicht dieses Album schlechtreden, sondern vielmehr zeigen, auf welch durchgängig extrem hohem Niveau sich Ahab seit ihrem Hall-of-Fame-Debüt bewegen.

9. The Ocean – Holocene

Wir machen gleich weiter mit der zweiten deutschen Ozean-Band, diesmal aber in Form von (progressivem) Post Metal. Dieser wird hier deutlich ruhiger und Keyboard-lastiger ausgelegt als auf den letzten Alben, und es dauert, bis es zu den ersten Ausbrüchen kommt. Aber das passt, denn die schweren Gitarrenakkorde und das heisere Brüllen wirken umso intensiver, wenn sie aus einem fein gesponnenen Netz aus Melodien und Klargesang hervorbrechen.

8. Nocte Obducta – Karwoche – Die Sonne der Toten pulsiert

Die Herausforderung, vor der wir alle stehen, ist es, über Nocte Obducta zu sprechen, ohne das böse N-Wort in den Mund zu nehmen. Ich bemühe mich und konzentriere mich auf die Musik: Diese ist entspannt, erdig und ehrlich. Die Punk-Black-Metaller sind mit dem Punk zurückgefahren und das ergibt ein Album zum gemeinsamen Geschichtenerzählen am Lagerfeuer, eins, das man einfach gern hört. Ihr bestes seit 10 Jahren und vielleicht, nur vielleicht, seit 18 Jahren. Und damit wären wir doch wieder beim N-Wort, das hier natürlich für Nektar steht. Und jetzt hab ichs doch gesagt.

7. Khanate – To Be Cruel

Diese Band ist ewig auf meiner Einkaufsliste gestanden, seit der Zeit, als ich meine Fühler Richtung Funeral Doom Metal bis hin zum Drone austreckte und dabei vom Extrem der Schnelle das Extrem der Langsamkeit kennenlernte wollte. Leider waren die ersten Alben der Band damals nicht so leicht erhältlich und so sättigte ich meine Abenteuerlust mit anderen Bands. Dann waren sie auch noch 14 Jahre inaktiv, aber als ich heuer sah, dass sie ein neues Album haben, waren sie schnell wieder in meinem Fokus. Fokus sollte man hier auch mitbringen, um zwischen der minimalistischen Rhythmusabteilung und den tonnenschweren Akkorden so etwas wie zusammenhängende Musik zu entdecken. Aber wer sie entdeckt, wird von den absolut geisteskranken Vocals ohnehin wieder zurück in das schwarze Loch der geistigen Umnachtung geführt. Manche Kommentatoren sprechen vom besten Album der Band. Das kann ich nicht beurteilen, aber es ist das extremste Album meiner an extremer Musik ja nicht gerade armen Sammlung. Hören auf eigene Gefahr.

6. Cryptopsy – As Gomorrah Burns

Ich bin ja schon ein bisschen stolz, dass ich den Bassisten kennenlernte, als er gerade zu Cryptopsy stieß und davor außerhalb Québecs so gut wie unbekannt war. Heute spielt er zusätzlich bei Cattle Decapitation und damit in zwei der größeren aktiven Death-Metal-Bands und wir quatschen jedes Mal, wenn wir uns auf Konzerten sehen. Aber es soll ja um die Musik gehen und die ist seit seinem Einstieg und der Rückbesinnung auf Death Metal ein zweischneidiges Schwert, weil ja, alles ist besser als das völlig misslungene Einmalexperiment davor, aber den Sänger, den sie seit damals immer noch als Altlast mitschleppen, mag ich immer noch nicht. Auch die Musik war mir oft zu steril und ideenlos. Hier allerdings bemüht sich der Sänger erstmals wirklich und sein ewig dümmliches Röhren wird manchmal von ganz akzeptablen tiefen Growls unterbrochen. Die hohen Screams sind sogar, ähm, tja, gut. Die Musik strotzt immer noch nicht vor eingängigen, kreativen Ausbrüchen und besteht durchgehend aus technisch hochkomplexem Geknüppel, aber im Beispielsong ab 1:13 passiert etwas Wunderbares. Ein Riff. Ein wirklich guter Riff, der stilistisch und qualitativ auf None So Vile hätte zu hören sein können.

5. Primordial – How It Ends

Der Ausstieg eines der beiden Gitarristen, der Albumtitel und der Promotext dazu ließen einige Fans vermuten, dass dies das Abschiedsalbum der Band sein könnte. Das ist noch nicht fix bestätigt, aber schade wäre es, auch wenn dies nicht ihr bestes Album ist. Sie bleiben in ihrer Nische, und das machen sie gut. Hier gehen sie wieder ein bisschen folkiger zur Sache und ich finde teilweise auch wieder blackiger. Die Mitsinghymnen sind seltener, was dem Album guttut, und bis auf ein paar Durchhänger wäre das ein würdiger Abschied. Wir hoffen trotzdem, dass es weitergeht.

4. Gorod – The Orb

Wer sich für mein Vier-Strahlen-Konzept des Technical Death Metal interessiert, kann gern privat mehr darüber erfahren; jedenfalls sind Gorod für mich an der Spitze von einem dieser Strahlen. Und das ganz einfach dadurch, dass sie seit Jahren weitgehend abseits der großen Aufmerksamkeit ihr Ding durchziehen und beständig hochqualitative Musik liefern. Ich weiß, Genre-Fremde können das nicht nachvollziehen, aber dieser Überfluss an Noten enthält für mich eine eingängige und in den besten Momenten durchaus emotionale Komponente. Letztere ist in Form der großen Melodien diesmal etwas seltener, aber Aufbau und Solo wie im gewählten Song ab 2:22 bringen ganz einfach die wenigsten Bands im Death Metal zustande.

3. In Flames – Foregone

Du entschuidige i kenn di, bist du ned In Flames? Die außerhalb von In Flames stattgefundene In-Flames-Reunion namens The Halo Effect, die es letztes Jahr (zufälligerweise?) ebenfalls auf Platz 3 geschafft hat, hat neben guter Musik noch einen weiteren guten Effekt gehabt: den In Flames unter diesem Namen etwas Feuer unter dem Hintern zu machen. Denn kurz nachdem die neue Super Group ihr Album veröffentlichte und damit auf Tour ging, erschien auch ihr eigenes Album mit zugehöriger Tour. (Fun Fact: Ich habe damit innerhalb einer Woche In Flames, At The Gates und Dark Tranquillity gesehen und meinem 16-jährigen Ich einen absoluten Lebenstraum erfüllt.) Das Thema der vielgeforderten Rückkehr zu den Wurzeln lag also auf der Hand und das wird auf diesem Album teilweise wirklich versucht. Nein, es funktioniert keineswegs immer, aber ich konzentriere mich auf die Schnipsel, in denen es funktioniert. Denn auch wenn es manchmal eine 1:1-Kopie von ATG oder ihnen selbst erfordert, sind einige Songs wirklich gut. Das Titellied ist sogar ihr bester Song seit 18 Jahren, mit – ihr werdet euch an letztes Jahr erinnern können – eingestreutem Versuch eines Göteborger Triolen-Slayer-Beats. Sie sind dem direkten Jahresvergleich mit The Halo Effect um ein paar Wochen aus dem Weg gegangen, hätten ihn aber gar nicht scheuen brauchen. Also ja, wir streichen 15 Jahre, tun so, als ob dazwischen nichts war, und haben jetzt zwei passable In-Flames-Formationen.

2. Cattle Decapitation – Terrasite

Irgendwann wird der Absturz kommen, weil keine Band ihr Niveau so lange halten kann. Aber nein, er kommt auch am neuen Album nicht. Ja, sie haben ihr Rezept gefunden, aber sie variieren es jedes Mal genug, um Abnützungserscheinungen vorzubeugen. Im Vergleich zum Vorgänger werden die halbklaren Vocals, für die Travis Ryan berühmt geworden ist, hier zurückgefahren, was definitiv eine gute Entscheidung war. Sie sind ja weiterhin da, aber werden etwas pointierter eingesetzt statt standardmäßig in jedem Song. Die progressiven Elemente sind ebenfalls noch da und auch auf ihre Grind-Wurzeln haben sie nicht ganz vergessen. Das ergibt ein erstaunlich frisches Werk, mit neu gefundener Aggression und einer Message, die von Album zu Album nur noch dringlicher wird. Leider.

1. Marduk – Memento Mori

Für Außenstehende ist Marduk ja oft prototypischer Metal: lautes, schnelles, undifferenzierbares Geschrei. Mehr Metal geht doch gar nicht, oder? Sehen wir uns das genauer an: Das Album heißt Memento Mori, es handelt also von Tod und Sterblichkeit. Gastsänger auf dem letzten Song ist LG Petrov von den legendären Entombed. LG Petrov ist seit 2021 tot. Gestorben an Gallengangkarzinom, ein Jahr nach der Diagnose. Alles, was ich dazu herausgefunden habe, deutet darauf hin, dass die Kooperation im Hinblick auf die Unheilbarkeit entstand, damit er sich noch einmal mit einer letzten Botschaft verewigen kann. Und so grüßt uns der tote Petrov mit folgenden Worten: „As you are, we once were. As we are, so shall you be.“ Nein, mehr Metal geht tatsächlich nicht.

Spotify: https://open.spotify.com/playlist/41jpaSKRTB6TCiKAS8SdBZ…

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