Spezialerwähnung des Jahres

Cannibal Corpse – Red Before Black

Die Anfragen zu den Top 10 häufen sich und wie immer läuten wir sie ein mit der Spezialerwähnung des Jahres. Dafür machen wir heuer einen kleinen Ausflug in die Finanzwelt, in der Währungen ja früher an den Goldpreis gekoppelt waren, der sogenannte Goldstandard. Der Goldstandard im Death Metal ist und bleibt Cannibal Corpse. Unbeeinflusst von all den Bitcoin-Wellen und Tulpenblasen dieser Welt machen sie einfach seit 30 Jahren ihr Ding, bringen alle paar Jahre ein neues Album, also den aktuellen Wechselkurs heraus und legen damit die zu erreichende Latte für alle anderen Bands kontinuierlich ein Stückchen höher. Im Beispielsong (und fantastisch schlechten Video) hören wir eines dieser beunruhigenden, langsamen Intros mit diesen mächtigen Growls. Bei 1:13 wird das Tempo schlagartig erhöht und wir finden uns inmitten eines klassischen CC-Gemetzels wieder, nichts Besonderes, nichts Neues, aber ganz ehrlich, das haben sie ja auch gar nicht nötig. Der Refrain (2:03) endet mit einer grandiosen Zeile, der ich hiermit höchstes künftiges Hashtag-Potential attestiere. #accepttheviolence

Top 10

Viele sympathische Bands wollte ich heuer vorstellen, wie die seit der Reunion hyperaktiven Nocte Obducta oder Cavalera Conspiracy mit der Überraschung des Jahres, aber Qualität schlägt Sympathie. Qualität war heuer aber eher rar gesät und ohne klare Nr. 1 musste diese im Ausschlussverfahren ermittelt werden. Weil auch Iced Earth erstaunlich knapp gescheitert sind, haben wir in diesem Jahr leider kein einziges Album in den Top 10, das nur Klargesang bietet, wie das sonst üblicherweise schon der Fall ist. War keine Absicht aber vielleicht genügen euch die paar Beispiele in denen er zum Teil eingesetzt wird, ansonsten halt eher mit Vorsicht genießen. #accepttheviolence

10. Dying Fetus – Wrong One To Fuck With

Manchmal schlendere ich durch die Stadt und erwische mich bei dem Gedanken, dass ich doch eigentlich ein ganz normales, funktionierendes Mitglied der Gesellschaft bin. Dann fällt mir ein, dass ich Bands mag mit Namen wie Dying Fetus und Songs wie Kill Your Mother/Rape Your Dog. Dann muss ich schmunzeln. Das neue Album schlägt in die gleiche Kerbe einer Band, die sich und anderen nichts mehr beweisen muss und somit tun kann was sie will.

Wir hören z. B., wie sie bei 2:35 zeigen, dass sie auch technisch immer noch zu den besseren Bands da draußen gehören, oder bei 3:39, wie sie diesen Riff über eine Minute lang variieren. Schließlich steigen sie bei 4:32 auf die Bremse und zeigen bis zum Schluss diesen berühmten Groove, den sie wie wenige andere Bands draufhaben.

9. Der Weg Einer Freiheit – Finisterre

Studenten-Black-Metal wird diese Band, die erstmals in dieser Liste vertreten ist, von geneigten Traditionalisten und Elitisten gern abfällig genannt, weil sie halt auf viele der gängigen Klischees verzichtet und einen recht eingängigen, melodischen (Post) Black Metal spielt. Hauptgrund für die gute Platzierung ist selbstverständlich das Intro aus Marlen Haushofers „Die Wand“ (leider hier weggeschnitten) obwohl der Text dann mit solchen Meisterwerken oder auch nur Genrekollegen bei Weitem nicht mithalten kann.

Um und Auf der Musik selbst sind die langgezogenen Melodiebögen an der Gitarre, üblicherweise im Kontrast zu den ohne Unterlass dahin hämmernden Blast Beats. Abwechslung ergibt sich z. B. aus Übergängen von Blast Beats in Achteln zu Triolen und dem damit einhergehenden, übergangslosen Tempowechsel bei 0:47. Paradebeispiel für die Band dann in der Passage ab 3:22 mit ihren ewig langen Melodien im Tremolo Picking mit anschließender abrupter Entschleunigung (5:06) und seltenem Klargesang.

8. Au-Dessus – End Of Chapter

Mgła und Konsorten haben mit ihrer Art, Black Metal zu spielen und darzustellen eine Lawine losgetreten und seitdem sieht halt jede Band auf der Bühne gleich aus. Natürlich werden auch die Songs nur mehr römisch durchnummeriert, in diesem Fall sogar als Fortsetzung an die vorhergehende Debüt-EP, sprich Song Nr. 1 trägt hier den Namen VI. Na gut.

Diese Litauer haben das Rad wahrlich nicht neu erfunden, machen ihre Sache aber nicht schlecht. Sehr aggressiver, abwechslungsreicher Post Black Metal, der hier recht langsam und bedrohlich losgeht und zwar ab 1:30 Tempo und Intensität steigert, aber erst bei 2:14 zeigt, was an Intensität möglich ist. Kaum erträgliche, gequälte Schreie bis zu dem Break bei 3:09, das das Tempo herausnimmt und als Ruhe vor dem Sturm (4:44) das Album auf den Höhepunkt zusteuern lässt.

7. Wiegedood – De Doden Hebben Het Goed II

Die Toten haben es immer noch gut. Zwei Jahre nach ihrem spektakulären Debüt legen sie den zweiten Teil der geplanten Trilogie vor. Name ist gleich, ebenso Artwork und Musik. Im Gegensatz zum Vorgänger mit seinem grandiosen Opening Riff gehen sie die Sache hier etwas vertrackter an.

Hier im zweiten Song hören wir ein klar gespieltes Intro, wie wir sie bereits kennen, und ab 1:00 die bekannten langsamen Gitarren, bei denen jede Mitte und Tiefe zugunsten der Höhen herausgenommen wurde, bis es so richtig wehtut. Auch, dass einzelne Riffs so lange wiederholt werden, bis man den Verstand verliert, kennen wir bereits. Ab 4:21 geht das Intro dann sozusagen dem Ende zu. Wir hören klar gespielte, simple Akkorde, die viermal wiederholt werden. Wir wissen, dass sie bei 4:51 aufs Gaspedal drücken werden und können uns dementsprechend vorbereiten. Aber auch bei einem Flugzeugstart weiß man, dass es jetzt dann schnell wird und wird trotzdem in den Sitz gedrückt. So ähnlich funktioniert Wiegedood’scher Black Metal. Vielleicht zusätzlich mit dem kleinen Unterschied, dass man währenddessen den Kopf aus dem Fenster hält und einem dabei der eisige Fahrtwind die Augen aus den Höhlen schabt. Dass erst ab 5:29 wirklich gesungen wird, bekommt man da schon gar nicht mehr mit. Kleine Breaks wie 6:10 oder 7:55 reißen einen kurz aus der dröhnenden Lethargie, aber nur um die Wachheit brachial zu bestrafen. Vielleicht hört bei 8:16 zur Abwechslung der Blast Beat auf. Ich weiß es nicht. Ich habe Kopfschmerzen. Und ja, ich weiß. Ihr auch.

6. Ne Obliviscaris – Urn

Um Traditionalisten und Elitisten wieder zu ärgern, könnten wir auch diese Band als Black Metal bezeichnen, aber das wär dann doch zu viel des Guten. Sie werden manchmal auch als Opeth des Black Metal beschrieben und das kommt der Sache im Sinne eines Progressive Extreme Metals schon näher. Offensichtlichstes Alleinstellungsmerkmal der Band ist der sehr prominente Gebrauch der Violine, die sehr oft den melodietragenden Aspekt der Musik übernimmt.

Wir hören melodischen Death/Black Metal, der so in Ausschnitten durchaus auch von Opeth stammen könnte, bis bei 1:07 die Geige erstmals kurz auftaucht und auch der Klargesang zu den Blasts bei 2:12 jeden Vergleich zu den Schweden hinfällig macht. Interessant wird’s beim Gitarrensolo ab 3:44, welches das Solieren nicht wie andere Bands mit der zweiten Gitarre oder einem Keyboard teilt, sondern sich hier eben mit der Violine abwechselt. Mit der Akustikgitarre bei 4:36 wird es dann ruhig; Bass, Schlagzeug und Klargesang steigen der Reihe nach dazu, aber erst die Geige führt die Musik bei 5:42 wieder zurück zu voller Lautstärke und übernimmt dabei wieder zusätzlich zu den zwei Rhythmusgitarren den Part einer Leadgitarre.

5. Funeralium – Of Throes And Blight

Nach einem kleinen Qualitätssprung kommen wir zu einer Kunstform, die vielen (für immer) fremd ist, Funeral Doom Metal. Dieses Genre bedeutet nicht einfach nur langsam, sondern extrem langsam und gibt es in einer schönen, melodischen, melancholisch-depressiven Variante und in einer düsteren, verzweifelt-depressiven Variante mit mehr Aspekten aus Death und Black Metal. Die Band hier gehört zur zweiten Kategorie und stellt einen der abstoßendsten Vertreter daraus dar. Diese Art der Kunst ist ganz einfach nur sehr schwer verdaulich, was allein schon an der (auch der Langsamkeit geschuldeten) Länge der Songs liegt. Das Album kommt als Doppel-CD zu mehr als 90 Minuten daher, und der kürzeste Song dauert neuneinhalb Minuten. Selbst dieser wäre dementsprechend schwer nahezubringen, deshalb war ich so frei und – weil’s dann auch schon egal ist – stelle euch den längsten Song vor, der mit fast 33 Minuten länger dauert als unser heuriges Nr.-1-Album.

Wenig überraschend hören wir dann auch erst nach 6:08 Minuten und ein paar Variationen des ersten Riffs einen minimalen Themenwechsel. 12:53 könnte direkt schön sein mit seiner sanften, klaren Melodie, wenn, ja, wenn dieser Typ nicht alles Leid der Welt ins Mikro kotzen würde. Wir wissen, dass wir in dieser Musikrichtung auf die kleinen Dinge hören müssen und so fällt uns auf, dass er bei 14:26 seine Stimme von Verzweiflung auf Wut umschaltet. Bei 16:30 haben wir die Hälfte überstanden, vielleicht weckt uns der abgründige Schrei, das Tempo wohl eher nicht. Oft wird ein Thema mit den unendlichen Wiederholungen variiert und z. B. klar und verzerrt gespielt. So wiederholt auch 22:46 das vorhergehende Thema klar und ruhig und mit dem Sprechgesang geradezu entspannend und stellt damit die letzte Ruhepause dar, bevor einen die abschließenden paar Minuten weiter in einen undurchdringlichen Strudel aus Schwärze hinabziehen.

4. Origin – Unparalleled Universe

Technical Death Metal ist eine weitere Kunstform, die ebenfalls vielen fremd bleibt, aber gleichzeitig das exakte Gegenteil des gerade gehörten. Dieses Genre bedeutet nicht einfach nur schnell, sondern extrem schnell und gibt es in einer schönen, melodischen Variante geprägt durch Bands wie Necrophagist und in einer hochtechnischen, komplexen Variante, für die auch diese Band hier Pionierarbeit geleistet hat. Zwar sind sie mittlerweile ein bisschen hörerfreundlicher als noch zu Zeiten ihrer Früh- und Mittelphase, aber immer noch denkbar kopfschmerzinduzierend.

Nach schön hektischem Beginn hören wir bei 0:40 einen Breakdown, um durchzuatmen und uns zu orientieren, bevor man weiter nach Belieben hin und her gestoßen wird. Gitarristen stehen üblicherweise im Rampenlicht, aber hier sind alle drei, Gitarrist, Schlagzeuger und Bassist unter den jeweils besten ihrer Zunft, und jeder darf das auch zu seiner Zeit zeigen. Der Bassist ist bei 2:11 an der Reihe und gibt dem Gitarristen und dem Rest der Band vor, was zu spielen ist.

3. Enslaved – E

Schreiben dick und fett „M“ auf das Album und nennen es „E“. Verrückte Norweger … Der Beginn der Liste war recht Black-Metal-lastig, und dorthin führt uns diese Band wieder (ein bisschen) zurück. Die Bezeichnung „Pink Floyd des Black Metal“ lässt uns aber schon vermuten, dass klassischer Black Metal in dieser Band schon seit Jahren im Abnehmen begriffen ist. Offensichtlichste Frage zu diesem mit Spannung erwarteten Album war natürlich der Ersatz des Keyboarders, der auch den mittlerweile prägenden Klargesang beisteuerte, was ein völlig anderes Klangbild vermuten lassen konnte. Aber auch der neue Mann besitzt eine ausgezeichnete, sehr klare Gesangsstimme, der vielleicht nur noch ein wenig die emotionale Komponente fehlt.

Der gewählte Song hat abgesehen vom Keifgesang mit Black Metal aber absolut nichts mehr zu tun, und wie um das zu unterstreichen, hören wir bei 2:13 die vorsichtige Vorstellung des Saxophons, das hier (und vielleicht in Zukunft öfter?) einen Gastauftritt hat. Bei 3:31 darf es dann sogar ein fantastisches Solo spielen, das mit seiner gefühlvollen Wehmut unter die Haut geht. Den vorhin erwähnten neuen Klargesang hören wir in kurzen Passagen ab 4:39 und dann ab 7:24 gemeinsam mit dem Saxophon in einem verträumten Outro.

2. Cytotoxin – Gammageddon

Jetzt denkt ihr natürlich, dass ich schon rein arbeitsbedingt eine Band mit so einem Namen in die Top 3 geben muss, aber das ist ein Irrtum. Bevorzugtes lyrisches Thema der Band ist nämlich nicht Zellbiologie, sondern Technische Physik, genauer gesagt Atomphysik. Sie bezeichnen sich selbst als Chernobyl Death Metal und haben damit eine thematische Nische im Death Metal für sich besetzt. Musikalisch spielen sie technischen Brutal Death. Oder vielleicht brutalen Technical Death? Oder vielleicht Deathgrind? Von allem ein bisschen und von allem das Beste.

Nach einem stampfenden Beginn kommen wir bei 0:47 in den Genuss eines ersten Solos und schließlich bei 1:12 zu einem dieser absolut gnadenlosen Grooves, für den diese Band bekannt ist. Spätestens das zweite Solo (2:47) macht deutlich, dass die Deutschen hier noch mehr Fokus auf Technik legen und den Groove diesmal etwas zurücknehmen. Wenn sie uns aber dafür Riffs wie 3:58 um die Ohren schleudern, soll es mir recht sein. Und der Slam bei 4:28 sollte dann auch alle Brutal Deather besänftigen, das atmosphärische Solo ab 5:47 wieder die Techniker.

1. Archspire – Relentless Mutation

Am Rande der Legalität agiert diese Band, mit ihrem per Ausschlussverfahren ermittelten Album des Jahres 2017. Es handelt sich aber um Death, nicht Black Metal und somit nicht um tatsächlich strafrechtlich Relevantes, sondern eher um gesellschaftspolitische, moralische Fragen. Darf man so schnell spielen? Nur weil man es kann? Und darf man es dann so schamlos zeigen? Bei den Instrumentalisten, die allesamt höllisch schnell spielen, versteh ich das ja noch einigermaßen, aber beim Sänger nicht. Anscheinend war ein amerikanischer Rapper sein Vorbild, und er wollte das mit Growls verbinden. Sprechen kann jeder, also kann sich unter Gesang jeder etwas (anderes) vorstellen, aber mir fehlt die allein schon kognitive Vorstellung, wie das hier funktionieren soll.

Grundprämisse für diese Musik ist, dass alles, was passiert, ultraschnell passiert, deshalb nur ein paar Dinge, die herausstechen. Das erste von ca. 25 Soli bei 0:43 tut das noch gar nicht so, aber das Break bei 1:52 dann umso mehr. Wer es bis hier durchgehalten hat, könnte sich angesichts der klaren Melodien, der jazzigen Bassläufe und Schlagzeugparts fragen, ob die Band jetzt auf Prog macht und das Ärgste vielleicht überstanden ist. Nun, der Hammer, der bei 2:41 auf eure hoffnungsvollen Köpfchen niederrauscht, sollte euch recht schnell vom Gegenteil überzeugen. Spätestens die absolute Reizüberflutung bei 3:05 lässt euch die Haut vom Gesicht schmelzen und uns vermuten, dass das Cover keine fantasievolle Zeichnung war, sondern eine Fotodokumentation des ersten Probehörers.

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