Spezialerwähnung des Jahres
Cynic – Ascension Codes
Heuer kommen Spezialerwähnung des Jahres und vor allem Top 10 besonders spät, weil sich leider alle Bands für möglichst späte Erscheinungstermine entschieden haben, aber wir kriegen das hin. Ich beginne mit Cynic, vielleicht auch, damit ich sie nicht regulär reihen muss: Alles, was Paul Masvidal und Sean Reinert berührten, wurde zu Gold, sagte ich an dieser Stelle schon öfter. Früher allerdings noch im Präsens, denn aufmerksame Beobachter werden sich erinnern, dass Anfang 2020 mit Sean Reinert der Cynic-Schlagzeuger verstorben ist. Zurück bleibt ein Gefühl der Unvollständigkeit, auch weil damit sein unschöner Ausstieg aus der Band unversöhnt geblieben ist. Zum Genie von Cynic gehörte aber auch Sean Malone, der Bassist, der den vielleicht schönsten Nachruf auf seinen langjährigen Bandkollegen geschrieben hat. Zu dieser Zeit wussten wir noch nicht, dass kurz davor auch Malones Mutter gestorben ist und die Isolation in der Pandemie gemeinsam mit Reinerts Tod ihn in eine Depression stürzen sollte. 11 Monate später beging er Suizid. In einem Jahr hat Cynic also beide Seans und die vielleicht beste Rhythmusfraktion des Metal verloren. Der Ersatz von Reinert war insofern einfach, weil er ja schon ausgestiegen ist, trotzdem denke ich, dass sich Reinert in den ruhigen Passagen öfter einmal mehr zurückgenommen hätte, um die Musik wirken zu lassen. Der Ersatz scheint die großen Fußstapfen zu spüren und auf Nummer sicher gehen zu wollen mit möglichst viel, möglichst durchgehend. Malone war schwieriger. Paul Masvidal entschied sich dafür, ihn nicht ersetzen zu versuchen, sondern stattdessen einen Bass-Synthesizer einzusetzen. Schöne Geste zwar, aber musikalisch fragwürdig. Es passt, weil die Musik noch spaciger, verträumter und ambientelastiger wurde als je zuvor und elektronische Elemente stark vertreten sind, aber es klingt fremd und kalt. Das Album hätte vielleicht besser als Soloalbum statt unter dem Namen Cynic gepasst, denn mit den vielen Interludes bleiben nicht viele Songs und das beste an diesen bleiben meist die Erinnerungen, die sie hervorrufen.
Top 10
War für euch 2021 auch kein so gutes Jahr? Fühlt es sich nicht irgendwie unvollständig an? Einfach falsch? Als ob etwas fehlen würde? Verzweifelt nicht! Hier sind sie: Die Top 10 als musikalische Reflexion des Jahres sind ja immer auch ein bisschen mit Selbstreflexion verbunden. Ich höre weniger Musik, verfolge sie anders und interagiere anders. Umso mehr freut es mich, wenn ich weiterhin über die oft verrücktesten Zufälle auf neue Bands stoße, und so sind heuer unter den 10 besten Alben ganze 3 Bands, die ich vor einem Jahr noch nicht einmal kannte. Eine gute Quote, die auch ein bisschen den Jahreseindruck verbessert, da 2021 etwas top-heavy ist und lange von zwei überragenden Alben überstrahlt wurde. Die beiden Neuentdeckungen auf 3 und 4 füllten die Lücke dahinter aber auf und machten 2021 schlussendlich zu einem musikalisch sehr interessanten Jahr.
10. Dornenreich – Du wilde Liebe sei
Cynic verzichten auf den Bass, Dornenreich verzichten auf das Schlagzeug. Das mag nicht weiter überraschen, aber dass sie nicht ganz darauf verzichten wie in ihren Akustik-Alben, sondern es durch Percussion ersetzen, ist doch interessant. Zumindest teilweise hätte ich es sinnvoll gefunden, um der Musik Struktur, Halt und Zielstrebigkeit zu geben. So bleibt ein gar verkünstlerischtes, vielleicht überambitioniertes Werk. Wir werden später zu einer Band kommen, die ihre Texte wie mit dem Leuchtstift schreibt, um schmerzhaft genau auszudrücken, wie der Inhalt gelesen werden will. Dornenreich schreiben Texte mit dem Leuchtstift, um zu sagen „Seht mich an, ich bin Kunst!“. Dabei entstehen manchmal unfreiwillig komische Bilder, was schade ist, weil die Ideen ihrer Geschichten gar nicht uninteressant sind, ebenso wenig die Musik. Die Violine veredelte die letzten paar Dornenreich-Alben, dieses rettet sie. Als Geigenalbum mit Gedichten, Gitarre und Getrommle ganz gut.
9. At The Gates – The Nightmare Of Being
At The Gates sind heute der Musik gewordene Spatz in der Hand; lieber froh sein, dass es sie wieder gibt und sie regelmäßig neue Musik veröffentlichen, und nicht auf Glanztaten ihrer Jugend hoffen. Ihr Schema der drei Post-Reunion-Alben ist immer ziemlich gleich: melodische Riffs, eher weniger einzelne Melodien, Triolen-Slayer-Beats und mal mehr, mal weniger Death Metal. Insofern ist es erfreulich, dass es hier mit Saxophon und Orchester und ein einer gewissen progressiven Ausrichtung doch neue Zutaten zu finden gibt. Vor allem aber ist die Gitarrenarbeit besser als auf den Vorgängern, der Gesang nimmt leider von Album zu Album ab.
8. Cannibal Corpse – Violence Unimagined
Niemand „braucht“ ein neues Cannibal-Corpse-Album. Niemand freut sich darauf, ist gespannt darauf oder erwartet es sehnsüchtig. Jeder weiß, wie es klingen wird. Seit unfassbaren 31 Jahren. Unter diesen Umständen Musik zu machen, Kunst zu erschaffen, ist denkbar schwierig und doch schaffen sie es Album für Album. Es gelingt ihnen, weil sie unerschütterlich an sich und ihr Produkt glauben, und ihre Fähigkeiten nach wie vor vorhanden sind. Corpsegrinder ist 51 und klingt als wäre er 21, Alex Webster ist stark wie immer, Mazurkiewicz solide und Neueinsteiger Erik Rutan kennt die Band lange genug, dass er nahtlos anknüpfen kann. Der Platz hier ist zu kurz, um über Begrifflichkeiten wie Kunst versus Konsum zu philosophieren, aber solange ihre Musik so aggressiv und mächtig klingt, ist Philosophie müßig.
7. Obscura – A Valediction
Die Rückkehr von Christian Münzner befriedigt nicht nur unser aller Harmoniebedürfnis, sondern sorgt auch für einen neuen Schub in der Gitarrenvirtuosität. Steffen Kummerer kann immer noch nicht growlen, aber es gefällt mir gar nicht schlecht, wenn er jetzt öfter in die heisere Richtung früher At The Gates geht. Das ist übrigens nicht die einzige Verbindung zur Göteborg-Szene, weil der dortige Haus-und-Hof-Produzent Fredrik Nordström auch dieses Album produzierte. Es bleibt aber großteils beim Einfluss auf den sehr klaren, für manche vielleicht zu sauberen Klang, die Musik ist weiterhin klinisch präziser, melodischer Tech Death mit herausragenden Musikern auf allen Positionen und einer gewissen Neigung, zu dick aufzutragen. Einen fetten Abzug in der B-Note gibt es für die wohl absurdesten Linernotes, die ich je gelesen habe, in denen Kummerer aus irgendeinem Grund kleine Minireviews liefert und nicht gerade mit Bescheidenheit glänzt.
6. Archspire – Bleed The Future
„Stay Tech” ist ihr Motto, und Tech sind sie geblieben. Das bedeutet aber nicht möglichst komplizierte Takt- und Tempoänderungen, sondern „Stay Tech” heißt hier „Speed Kills”. So simpel das Prinzip sein mag, die Umsetzung ist jedes Mal wieder beeindruckend. Der Höllenritt bietet über durchaus ansprechende Riffs, Halbmelodien und Soli ein überraschend eingängiges Hörerlebnis. Einige ihrer Vorbilder stammen aus dem Hip Hop, und das hört man nicht nur am Gesang und dessen Geschwindigkeit, vor allem aber ist das keineswegs ein Nachteil.
5. Rivers Of Nihil – The Work
Rivers Of Nihil haben sich weg vom Deathcore hin zu einem Geheimtipp im Technical Death Metal entwickelt. Nach dem Überraschungserfolg mit dem letzten Album gehen sie jetzt noch weiter in die progressive Richtung und überraschen weiter. Der Death Metal nimmt auf diesem Konzeptalbum erheblich ab, Klargesang und unverzerrte, melodische Gitarren nehmen zu. Das Saxophon bleibt dementsprechend. Das überzeugt nicht alle, ich finde aber, dass die reduzierte Zahl an Death-Metal-Momenten ihre Wucht nur noch steigert. Das Album braucht sicher seine Zeit, belohnt aber mit durchdachter Schönheit und tonnenschwerer Kraft.
4. Waldgeflüster – Dahoam
Seit Lunar Aurora auf eine vermutlich göttliche Eingebung hin aus ihrem Ruhestand zurückgekommen sind, um ihr letztes Album „Hoagascht“ als erstes im bairischen Dialekt einzuspielen, hat sich Dialekt-Black-Metal als eine Art Mini-Genre um dieses Meisterwerk gebildet. Diese Band hier war mir bis Ende Oktober völlig unbekannt, aber wenn ich über ein Album namens „Dahoam“ scrolle, schlagen meine Sensoren aus und lassen mich fast ungehört kaufen. Wo Hoagaschts Black Metal warm und sanft war, geht es hier kälter und mit deutlichen Post-Anklängen zu. Die Melodiebögen sind gelungen und der Klargesang funktioniert gut, aber sicher im Gesamtgefüge besser, als er das isoliert tun würde. Der Text ist zwar Unique-Selling-Point, aber gleichzeitig auch einzige Schwachstelle, da er die Botschaft gar so deutlich überbringen will und auf Subtilität und Interpretationsmöglichkeiten verzichtet. Zusätzlich wirkte er auf mich wie auf Hochdeutsch geschrieben und dann in Dialekt übersetzt. Die Linernotes bestätigten mich, der Sänger ist einer jener Eltern, die mit ihren Kindern nur mehr hochdeutsch sprechen, und ließ sich beim Dialekt vom Schlagzeuger helfen. Das hört man, und es führt die gewünschte Natürlichkeit etwas ad absurdum. Das ist aber bitte Kritik auf hohem Niveau in einem Spezialaspekt, die Musik erreicht eine verdiente Topplatzierung. Die Suche nach den legitimen Nachfolgern von Lunar Aurora geht aber weiter, oder?
3. Gràb – Zeitlang
Am 23.12. erfuhr ich von der Existenz dieser Band, hörte rein und wusste, dass ich die Top 10 anpassen und damit verschieben werden müsste. Auch diese Band stammt aus Bayern, spielt Black Metal und singt im Dialekt. Damit liegt natürlich wieder der Vergleich zu Lunar Aurora nahe, besonders, da auch diese Band ihren Black Metal oft eher langsam, teilweise fast doomig anlegt. Das machen sie aber nicht so heimelig und gemütlich, sondern grimmig und böse, eben „gràb“ (= grau). Stellenweise wird aber auch unsere „Zeitlang“ (= Sehnsucht) nach Raserei befriedigt, denn wenn sie einen Gang schneller schalten, dann schepperts. Unheimlich dichte Atmosphäre, knurrige Vocals des ehemaligen Sängers von Dark Fortress und manchmal sogar traditionelle Instrumente wie Zither ergeben ein phänomenales Debüt einer Band, die uns hoffentlich noch länger begleiten wird. Die Nachfolger sind gefunden. Album des Jahres in vielen Jahren.
2. First Fragment – Gloire Éternelle
Ich kann einen gewissen Stolz nicht verleugnen, wenn ich einige dieser Bands aus Québec, die ich teilweise wirklich schon von Anfang an begleite, „aufwachsen“ sehe. First Fragment konnten mit ihrem Debüt den Hype rechtfertigen und etablieren sich mit diesem zweiten Nachfolger an der Spitze der Szene. Ich hätte zwar kürzere Alben in kürzeren Abständen lieber, aber ich verstehe, dass ihre Musik eine gewisse Erarbeitungszeit und dann auch Länge benötigt. Hier wird nämlich nicht gekleckert, sondern geklotzt. Der Bandkopf ist einer der talentiertesten Gitarristen und hat eine Band aus fast ebenbürtigen Mitstreitern um sich versammelt. Durch den Gesang wird die Musik aggressiv, die instrumentalen Anteile machen aber die Hauptzeit aus und sind sehr verspielt und reinste melodische Reizüberflutung. Die Soli sind unzählbar und absolut atemberaubend. Aber wo Gitarrensoli erwartet werden und Schlagzeugsoli meist eher peinlich sind, kann der Bass den Unterschied ausmachen. Der Bassist, Dominique LaPointe, ist seit Jahren in meinen Top 10 als der Steve DiGiorgio Québecs bekannt und ich freue mich richtig für ihn, weil er hier endlich die perfekte Band gefunden hat. Hier ist sein massives Talent nicht bloßes Zuckerl, sondern wird erwartet und gefördert. Fast 30 Basssoli auf diesem Album sprechen eine deutliche Sprache. Im fantastischen Beispielsong hören wir ab 4:00 nicht nur sein, sondern das überhaupt beste Basssolo. Er zeigt von Anfang an, was er kann, aber ab 4:28 übernimmt er schlichtweg den Song. Solo wird zu Emotion, Emotion wird zu Melodie, Melodie wird zu Hauptthema eines Songs. Brilliant. Album des Jahres, wenn alles mit rechten Dingen zugeht.
1. Iotunn – Access All Worlds
Im Jahr der Zufallsfunde steht aber passenderweise eine Neuentdeckung ganz oben. Den Sänger kennen wir von der färöischen Doom/Death-Band Hamferð, der zu dieser dänischen Prog-Band stieß. Gemeinsam öffnete sich ihnen irgendwo eine geheime Inspirationsquelle des Universums. Eine nicht ganz ernst zu nehmende Faustregel des Progs besagt, dass dabei ein Song anders aufhört, als man es zu Beginn erwartet hätte. Mit den ersten Tönen des Songs und Albums könnte man Heavy/Power, aber auch Melodic Death Metal erwarten. Mit 1:01 geht es los, es klingt nach Melodic Death. Dann bei 2:07 das Break, Spannung liegt in der Luft, es baut sich etwas auf, aber wohin geht es? Death Metal? Black Metal? Gothic? 2:22: Der triumphale Refrain beantwortet alle Fragen. Zur Musik, zum Sinn des Lebens, Philosophie, Mathematik, hier liegt der Grund für alles. Das ganze Album spielt mit diesem Prog auf der Basis von Melodic Death, der immer wieder in verschiedene Richtungen ausbricht. Der Sänger, der in seiner Stammband schon vielversprechend war, darf hier alles aufbieten und zeigt neben seinen wütenden Growls und den glasklaren Cleans auch herrlich emotionale Mischvarianten. Die Musiker wissen aber allesamt, was wo gefragt ist, und schalten spielerisch zwischen filigraner Technik und selbstloser Geradlinigkeit um. Damit bleibt Raum für eine Achterbahnfahrt zwischen Euphorie und Verzweiflung, Virtuosität und Headbangen, Träumen und Feiern. Album des Jahres? Diskutieren wir in ein paar Jahren über Album des Jahrzehnts.

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