Spezialerwähnung des Jahres
Commandment – Brutal Carnage
Ich weiß, ihr wartet sehnsüchtig auf meine Top 10, aber wir hatten ja noch nicht einmal die Spezialerwähnung des Jahres. Diese geht an eine Band, deren einziges Album heuer 10-jähriges Jubiläum feiert. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll die Band unter Insidern als vielversprechendste österreichische Death-Metal-Band seit Pungent Stench gegolten haben. Ich bin ja objektiv und enthalte mich einer Wertung, aber wenn ich mir das so anhöre, kann ich schon verstehen, warum!
Der Gitarrist haut einem die Old School-Riffs nur so um die Ohren und ich weiß zwar nicht, was den Sänger so verärgert hat, aber meine Güte, dem möchte ich so lieber nicht begegnen. Interessant auch, dass der Bassist anscheinend eher aus einer nichtmetallischen Ecke kommt und diesen Einfluss mitbringt. Und hören wir uns die Hammer-Passage bei 0:43 bis 0:53 an. Die wird von 1:47 bis 1:58 wiederholt, aber achtet doch einmal darauf, wie der Schlagzeuger subtil die Double Bass aus dem ersten Mal durch Snare Drum tauscht und umgekehrt. Wie lange er daran wohl getüftelt haben muss, und niemandem ist es wahrscheinlich je aufgefallen. Bis heute! Nehmen wir uns einen Moment, das und das gesamte Album zu würdigen. Restexemplare noch verfügbar, was man so hört! Auch auf Spotify!
Top 10
Weihnachten? Check. Silvester? Check. Was fehlt noch von 2019? Richtig, die schönste Familientradition von allen, die Top 10 eures liebsten Influencers. Musikalisch hatten wir schon bessere Jahre, vor allem fehlt zumindest ein klarer Sieger, eigentlich sogar die oberen drei Plätze. Aber hilft ja nichts, bringen wir es hinter uns.
Eternity’s End – Unyielding
Eigentlich hätte so ein schwaches Jahr gar keine zusätzlichen Spezialerwähnungen erwähnt, aber diese Band vereint Gitarrenvirtuosen samt und sonders, dem von meinen persönlichen Lieblingen First Fragment bis hin zu Allzweckwaffe Christian Münzner. Sie haben sich aber nicht für Death Metal zusammengetan, sondern, um ihrer heimlichen Leidenschaft Speed/Power Metal mit flirrenden Gitarrenmelodien nachzugehen. Das klingt für einen Song ohrenbetäubend fantastisch. Für die nächsten drei immer noch ohrenbetäubend irrwitzig. Danach versucht man der Taubheit seiner Ohren mit einem gespitzten Bleistift nachzuhelfen. Aber diese kurze Zeit vor der Reizüberflutung, hach.
In Flames – I, The Mask
Und auch In Flames haben wieder ein neues Album veröffentlicht, und ich habe wieder der Treue meines Ichs von vor 14 Jahren zu der Band gleichen Namens von vor 25 Jahren nachgegeben. Diese hat mit der heutigen Anders-Fridén-Musik-und-Merchandise-GmbH nichts mehr zu tun und ich werde mir diese auch nicht länger schönreden. Manche Songs erinnern an die Jahrtausendwende, aber das genügt schon seit damals nicht mehr.
10. A.A. Williams – A.A. Williams
Als Konzert-Vorband vorab reingehört, und während sie stimmungsmäßig perfekt zum Konzert passten, fallen sie hier genretechnisch etwas aus der Reihe. Das Plural-Sie sollte eigentlich ein Singular-Sie sein, sie ist Singer/Songwriterin und verbindet Soap & Skin mit Antimatter und 40 Watt Sun. Das erfüllt so ziemlich alle Bedingungen, die ich bei Kuscheldüstermusik brauche. Wer jetzt reinhört, ist Teil des Hypes, noch bevor 2020 das erste volle Album fertig ist. Wie jede Künstlerin, die etwas auf sich hält, singt auch sie ein großartiges Jolene-Cover, dringende Empfehlung auch dazu!
9. Vltimas – Something Wicked Marches In
Allstar-Band mit dem Gitarristen von Mayhem, Schlagzeuger von Cryptopsy und einem gewissen David Vincent von Morbid Angel. Das klingt aber nicht chaotisch und willkürlich, sondern nach vernünftig durcharrangierter Musik, in der jeder dieser Ausnahmekönner seine Vorlieben einbringen darf. Herrlich schmutziger, schwarzer Death Metal, ungefähr.
8. Batushka – Panihida
Ich erspare euch nicht nur die korrekten kyrillischen Band- und Albumnamen, sondern auch das Drama, das diese Senkrechtstarter ereilt hat. Bis die Gerichte etwas anderes entscheiden, erachten ich und die überwältigende Mehrheit der Fans diese Band um den damaligen Gitarristen als die eigentlichen Nachfolger. Der Mix aus orthodoxem Kirchenflair samt Chören und Kirchenslawisch mit brachialem und dennoch melodischem Black Metal ist hier fast so gut wie auf dem Debüt gelungen, einzelne Abzüge sind durch die schwierigen Umstände und gestressten Aufnahmebedingungen entschuldigt. Die Musik hat gesprochen, die Menschen haben geantwortet. Das Recht – Entschuldigung – möge der Politik folgen.
7. Mayhem – Daemon
Die berüchtigsten aller Norwegen-Blacker weigern sich weiterhin, musikalische Vorhersehbarkeit einkehren zu lassen. War die Esoteric Warfare noch recht nahe an der fantastischen Ordo Ad Chao, so meinen viele Fans, hier wieder Spuren der überragenden De Mysteriis Dom. Sathanas zu erkennen. In Wahrheit ist das ein bisschen von nichts und nichts von allem. Trotzdem vermag auch einer der besten Extrem-Vokalisten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Album insgesamt doch etwas unspektakulärer als erhofft ausfällt. Etwas dreckiger, fieser und gemeiner hätte mir das noch besser gefallen.
6. Equipoise – Demiurgus
Der Mastermind von Inferi hat bekanntlich ein Label gegründet, um die musikalische Weltherrschaft zu übernehmen, und man muss akzeptieren, dass ihm das gelungen ist. Der Chef von Equipoise hier spielt mit diesem in einer gemeinsamen Nebenband, und der Gitarrist von First Fragment hat den Keyboarder von den vorhin gehörten Eternity’s End mitgenommen. Ich erspare euch weiteres Namedropping, aber die Reizüberflutung ist ähnlich wie bei Eternity’s End nur mit Growls. Sprich unerträglich für die meisten, aber unerschöpflich für manche. Die Soli sind im Booklet zwischen dem Text fein säuberlich notiert, im gewählten Song gibt es davon gezählte 24 von allen Gitarristen mit Gästen, Bassist und Keyboarder. Mehr ist mehr, für weniger gibt’s andere.
5. Esoteric – A Pyrrhic Existence
Das war euch zu viel und zu schnell? Ideal, es folgt das 100%ige exakte Gegenteil. Funeral Doom/Death Metal der ultraminimalistischen Sorte. Ein Blick auf die Trackliste verrät ein kurzes Zwischenspiel von 5 Minuten, und das sollte schon alles erklären. Insgesamt bringen es die sechs Songs auf weit mehr als eineinhalb Stunden und diese verlangen einem alles ab. Hier passiert nichts und das extrem langsam. Die schnellen bis sogar sehr schnellen Passagen vergehen genauso plötzlich, wie sie gekommen sind, und sorgen nicht für Auflockerung, sondern Beklemmung. Beklemmung aber gibt es nicht besser. Ein Plädoyer für die Kunst.
4. Cattle Decapitation – Death Atlas
Bevor Vegetarier hip und Klimaschutz modern wurden, versuchte diese Band mit ihren eindringlichen Botschaften Gehör zu finden. Gehör fanden sie und 2012 fanden sie ein Monumentalwerk der Extraklasse. Die Art, wie sie technischen Death mit dreckigem Grind verbanden und scheußlich-grandiose Halbklargrowls darüber legten, katapultierte sie nicht nur auf meinen ersten Platz des Jahres. Problem ist bloß, dass sie aus dieser selbstgeschaffenen Nische nicht mehr so recht rausfinden. Das letzte Album war eine kalkulierte Wiederholung der Hit-Formel, aber ein Schritt in eine neue Richtung gelingt ihnen auch hier nicht. Es ist auch zugegeben schwierig, diese Formel sinnvoll genug zu verändern und doch nicht zu viel. Sie sehen sich vorsichtig um, ergänzen die Vocals um ein paar neue Facetten und vertrauen ansonsten auf ihr Rezept. In einem schwach besetzten Jahr reicht das für die Top 10.
3. Nile – Vile Nilotic Rites
Wir treten das Gaspedal wieder durch und begrüßen die erfolgreichsten Botschafter ägyptischer Mythologie in- und außerhalb Ägyptens zurück. Der langjährige Gitarrist, Sänger und Songwriter ist weg, und die Fragen, wie sie das verkraften würden, waren groß. Der Kopf der Band funktioniert aber noch, hat zwei sehr fähige Sänger an Bass und Gitarre geholt und kann sich weiterhin auf einen der besten Schlagzeuger im Business verlassen. Nein, die Band hat tatsächlich so gut wie nichts ihrer Schlagkraft eingebüßt und das wohl beste Album seit Those Whom The Gods Detest veröffentlicht. Ja, der orientalische Einfluss ist heute mehr Gimmick als ernsthafter Teil ihrer Musik, aber das ist er schon seit Jahren, und solange die Musik besten Tech Death mit bestem Doom verbindet, ist die Welt in Ordnung. Ihre besten Alben sind absolute Genre-Klassiker und ihre durchschnittlicheren Alben knacken leicht jede Jahresliste. Eigenschaft einer Band an der Spitze.
2. Deathspell Omega – The Furnaces Of Palingenesia
Darf ich vorstellen? Black Metal. Ihr werdet Gerüchte gehört haben von Melodien und Eingängigkeit, von Fortschritt und Weltoffenheit. Doch irret nicht, meine Freunde! Irret nicht! Das einzige, was Deathspell Omega hier öffnen, ist ein pechschwarzer Mahlstrom der Verneinung. Die Melodien sind dissonant und die Takte ungerade, die Texte theologisch und die Strukturen verworren. Nein, Hörerfreundlicheit ist ihre Sache nicht. Und das ist gut so.
1. Cult Of Luna – A Dawn To Fear
„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang“, lässt Shakespeare seinen Romeo sagen. „Tandaradei sang die Nachtigall lieblich“ lässt wiederum Walther von der Vogelweide seinen Verliebten sagen. Ich sage, die Nachtigall ist ein Kult des Mondes und ihr Lied ist die Lerche. Diese Lerche fürchtet den Morgen, fürchtet ihren nächtlichen Widerpart und Partner, fürchtet und singt ihr schönstes Lied für diese Furcht. Das Lied der Nachtigall ist ein trauriges Lied.

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