Spezialerwähnung des Jahres
Ho Ho Hoffentlich seid ihr bereit für Musik?! Der Nikolaus bringt euch nämlich meine heurigen Special Mentions of the Year!
Diese stehen heuer unter dem Thema „Game Of Thrones“, und der Thron, um den es geht, ist der von Necrophagist erschaffene, definierte und seit ihrem glanzlosen Abgang vakante Death-Metal-Thron neoklassischer Prägung. Kandidaten dafür waren vor allem Obscura, Beyond Creation oder besonders Spawn Of Possession. Nun haben sich leider Letztere vor einem Jahr aufgelöst, und ihren Abschiedspost kommentierte der Sänger, Gitarrist und Mastermind von Inferi neben einigen Dankensworten mit einer simplen Ansage: „Give me your throne.“ Diesen Anspruch auf den Thron untermauerte er auch gleich mit einer Generalmobilmachung, holte einige hochtalentierte Bands in sein selbst gegründetes Label und ließ diese den Markt testen. Leider ging die Bestellung mit diesen CDs verloren, und obwohl er sie mir dankenswerterweise gratis noch einmal schickte, kamen sie nicht rechtzeitig für die letztjährigen Top 10. Da sie aber viel zu gut sind, um einfach ignoriert zu werden, sehen wir uns diese Alben sowie das aktuelle des Chefs persönlich hier an:
Inanimate Existence – Underneath A Melting Sky
Eine der Bands, die Kalifornien als neuen Hotspot im Death Metal mitetablierten. Den Klargesang haben sie zum Glück wieder aufgegeben, dieses Experiment ist nicht geglückt, und so kehren sie zurück zu vielschichtigem, melodischem Technical Death Metal. Die Keyboards sind wenn dann dezent gehalten und kleistern nicht alles in einem Soundteppich zu.
Bei 2:34 bekommen wir einen schönen, groovigen Part serviert, mit netten Slaps am Bass. Ab 3:00 werden Tempo, Takt und Rhythmus öfter gewechselt, als man es in einer halben Minute für möglich halten würde, der größere Wechsel kommt aber bei 3:33. Der Song nimmt Tempo und Lautstärke, aber keine Spannung raus, baut die Melodie langsam auf und geht daraus in ein langgezogenes Solo über.
Virulent Depravity – Fruit Of The Poisoned Tree
Dieser Band lieh der Labelchef sein Gitarrenspiel, und das hört man auch. Wenn wir vorhin von vielschichtiger Musik gesprochen haben, dann gehen uns hier die Steigerungsformen aus. Hier passiert alles und alles gleichzeitig. Riffs verschiedenster Tech-Death-Prägung werden uns in einem endlosen Strom um die Ohren geworfen, mal ohrenschmeichelnd harmonisch, dann abstoßend dissonant, getrennt durch unablässige Tempo- und Rhythmuswechsel. Diese Art der Musik macht den ungeübten Hörer im besten Fall nervös, im schlimmsten Fall führt sie direkt in die Epilepsie.
Nach 6 Sekunden Ruhe vor dem Sturm bricht ebendieser los, aber bei 1:00 können wir uns an einen eingängigen und supermelodischen Riff halten. Dieser führt bei 1:30 in ein ebenso geniales Solo, aber das wars dann auch schon wieder mit den Verschnaufpausen. Der Wechsel zwischen superschnellem Chaos und superschnellem Solo – sprich superschnelles Chaos ohne Gesang –, der darauf folgt, ist beispielhaft für diese Band, aber zugegebenermaßen nicht die leichteste Kost.
Dark Matter Secret – Perfect World Creation
Russland ist ja für alles Mögliche bekannt, aber nicht unbedingt für Death Metal. Umso erfreulicher ist diese Band, die im dünn besetzten Vorjahr einen Podestplatz geholt hätte. Um die Frage nach dem Thron zu beantworten, müssen wir aber davor eine andere Frage beantworten: braucht der Death-Metal-Thron Death Metal Gesang? Braucht er überhaupt Gesang? Es gibt nämlich viele (selbsternannte) Nachfolger, Erben und Kopien von Necrophagist, diese drei Moskauer wählen aber sicher die interessanteste Herangehensweise. Musikalisch ist das sehr ähnlich an ihren Vorbildern mit eingängigen Riffs, supermelodischen Soli und allgemein genug Raum für die Musik, bleibt dabei aber ausschließlich instrumental. Wer also damit zurecht kommt, und auch ich bin üblicherweise kein großer Fan von reinen Instrumental-Bands, der bekommt hier allerfeinste Kost serviert.
Wir schweben durch den Weltraum und erkennen, wie sich aus den verschiedenen Geräuschbruchstücken Musik formt. Kaum haben wir das realisiert, sind wir bei 1:08 schon im ersten Solo. Durch die Fülle an Musik fällt der fehlende Gesang nicht auf und gibt stattdessen den Blick auf eben die Musik frei, und bei Highspeed-Riffs wie 2:29 brauchen wir auch gar keinen Gesang. Vor allem, wenn danach das nächste ihrer großartigen Gitarrensoli wartet, die diese Band so besonders auszeichnen. 3:34: Riffgewitter, das aber trotz der Tempowechsel stets durchschaubar bleibt und dann vom Blitz durchzuckt wird, der das nächste Solo ist. Wir nützen das Break bei 5:43, um uns für das Finale zu rüsten. Ja, das ist die obere Klasse im zeitgenössischen Death Metal.
Inferi – Revenant
Wir schlagen jetzt die Brücke zum aktuellen Jahrgang und zur Hauptband des erwähnten umtriebigsten Protagonisten im Death Metal. Musikalisch bewegen wir uns wieder im Bereich des hochmelodischen, teilweise fast ins symphonische gehenden Technical Death Metal. Ein technisches Schaustück sondergleichen, in dem sich ein virtuoses Gustostückerl ans nächste reiht. Aber obwohl ich selbst nicht jedes neue TDM-Album mit Necrophagist vergleichen will, ist es hier angebracht, weil er sich ja selber ins Spiel um den Thron gebracht hat. Leider muss man hier doch einen deutlichen Klassenunterschied konstatieren, nicht technisch, aber wenn man sich ansieht, wie Necrophagist Songs geschrieben und die Soli darin verwebt haben, ist das einfach eine andere Liga. Auch Spawn Of Possession gingen zwar brutaler, hektischer und verworrener zu Werke, aber immer noch deutlich schlüssiger und flüssiger als Inferi. Ich bin zwar wirklich großer Fan von technischer Angeberei, aber Necrophagist, SOP oder auch Obscura und Beyond Creation schaffen es trotzdem, ihre Musik atmen zu lassen und all den Noten Raum zur Entfaltung zu geben. Hier erstickt man beinahe im Überfluss der – für sich – großartigen Ideen.
Wir hören zu Beginn nicht nur ein (meist) dezentes Keyboard, sondern auch einen erfreulicherweise recht eigenständigen Bass. Bei 0:26 hören wir die vielleicht eingängigste Melodie des Albums, das sich sonst leider nicht durch große Hörerfreundlichkeit auszeichnet. 2:16 nimmt einige Schichten Musik weg und lässt kurz Luft holen. Auch bei den Soli wie 2:36 oder 4:20 kann man sich immerhin auf eine einzelne Sache konzentrieren, und diese zeigt dann ja auch das immense Talent der Band. Talent wird allerdings nicht weniger, nur weil man es sinnvoll einsetzt, wir dürfen also durchaus gespannt auf zukünftige Musik sein.
Fazit? Der Thron ist weiter unbesetzt. Während das bei Game Of Thrones vermutlich demokratisch, ruhig und friedlich geklärt wird, muss ich den Death-Metal-Thron ganz alleine entscheiden. Sonst ist eigentlich alles gleich. Nur die Nackedeis fehlen hier, das stimmt. Ganz streng genommen habe ich auch keine Ahnung von GoT.
Was es aber bei beiden gibt, sind superspannende Cliffhanger, denn wir wissen jetzt ja eigentlich nur, dass es für den selbsternannten Thronfolger nicht gereicht hat. 2018 war aber viel besser als 2017 und besonders für Death Metal ein fantastisches Jahr, also wer weiß, vielleicht konnte in der Zwischenzeit eine andere Band den Thron erklimmen? Wir sehen uns in wenigen Wochen wieder und finden es gemeinsam raus!
Top 10
Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester nützen, um entspannt meine Top 10 des Jahres hören? Klingt gut? Na dann, frohe Weihnachten, gutes neues Jahr und viel Spaß beim Hören, Entdecken und Mitfiebern!
10. Hamferð – Támsins Likam
Diese noch recht junge Band hatte ich schon mit ihrem Debüt in meinen Top 10, und auch ihr zweites Album schafft es gerade noch. Gerne hätte ich zwar auch die im weitesten Sinne Genre-Kollegen Evoken hier gehabt, aber die etwas schnelleren Hamferð sind eh zugänglicher. Schnell ist aber relativ, wir sind hier immerhin im Death/Doom der episch-melodischen Sorte und somit meistens langsam bis sehr langsam. Die Texte sind weiterhin vollständig auf Färöisch gehalten, was auch zum Wohle der Eigenständigkeit nur helfen kann.
Der schwere Beginn zeigt, wohin die Reise geht. Langsam und melancholisch, aber nicht völlig zäh und schwarz. 2:37 bricht die Melancholie auf, der herzzerreißende Gesang geht ins Klagende über und steht einsam über der zitternden Melodie. Bei 3:23 bricht die Klage wunderbar kraftlos ab und lässt einen geschwächt zurückfallen. Dabei geht die Verzweiflung zwar kurz in Wut über, kehrt aber schnell wieder zum Klageteil zurück.
9. Augury – Illusive Golden Age
Eine der besten Bands aus der unerschöpflichen Québec-Szene hat uns viel zu lange warten lassen. Was hab ich mich gefreut, als voriges Jahr bekannt wurde, dass auch sie Teil des schnell wachsenden Labels wurden, von dem wir vor wenigen Wochen in den Special Mentions so viel hörten. Die neun Jahre Wartezeit hört man aber nicht, ihr Progressive Death Metal ist immer noch sofort erkennbar.
Dieser Song zeigt trotz aller Härte die Verspieltheit, die diese Band berühmt gemacht hat und auf diesem Album etwas fehlt. Die Growls sind hier nicht ganz so brutal und der Bass (ja, eh dieser Bassist, der überall spielt) tänzelt fein unter dem Chaos. Auch bei einer hübschen Melodie, die wie von 1:40 in 2:15 übergeht, ist der Bass der rote Faden. 3:05 dreht sich nur mehr um ihn, erst bei 3:43 wirds ruhig, und alle Instrumente spielen gleichberechtigt zusammen. Passagen wie 4:43 sind auf diesem Album zu viel und oft zu hektisch ausgefallen, Soli wie 5:16 zu selten. Aber wenn, dann gewohnt großartig.
8 b. Cryptopsy – The Book Of Suffering – Tome II
Wie schon den ersten Teil ihrer geplanten EP-Trilogie verstecke ich sie wieder auf einem Halbplatz. Ebenfalls aus Montréal, ist die Band eine der längstdienenden und bekanntesten Legenden dieser an Legenden nicht armen Region.
Auf diesem musikalischen Level ist der neue Sänger (ja, ich werde ihn weiterhin den neuen nennen) weiterhin der mit Respektabstand schlechteste, und er versucht es auch gar nicht zu verschleiern. Wir quälen uns aber mit gewohnter stoischer Ruhe durch sein monotones Röhren und hören, dass die Band an sich immer noch zu den Big Dogs im Business zählt. Getragen vor allem durch die vielleicht stärkste Rhythmus-Fraktion, die von Anfang an zeigt, warum der Bass in dieser Band so wichtig ist. Die Gitarrenarbeit nämlich ist solide, aber heutzutage auch nicht mehr, dementsprechend das Solo bei 2:52. Der Sänger hat immerhin eine große Lunge und macht mit seinem 25-Sekunden-Schrei bei 3:54 in quantitativer Hinsicht beinahe dem allseits vermissten Lord Worm Konkurrenz. Nur quantitativ. Und nur beinahe.
8. Wiegedood – De Doden Hebben Het Goed III
Mit ihrem Debüt wurden sie schlagartig berühmt, jetzt dürfen wir gespannt sein, wie es nach dem Abschluss ihrer Trilogie mit den ehemaligen Shooting Stars weitergeht. Gut möglich, dass die Mitglieder mit ihren zahlreichen früheren Bands weitermachen und diese Band als Projekt sein lassen, ich hoffe aber, dass sie auch diese Band fortsetzen. Neuer Wind dürfte ihnen aber guttun, denn so grandios ihre Neuinterpretation von brachialem Black Metal mit Post-Metal-Einschlag auch war, so ist doch ein wenig die Luft raus.
Albumbeginn: Ein Schrei und der beste Riff des Albums. Das kennen wir schon, und ja, es funktioniert wieder, funktioniert immer. Immer funktioniert es auch, ein Vier-Takt-Schema auf drei Takte zu kürzen, das erzeugt eine wunderbare, zuerst nicht ganz greifbare Unruhe. Ein kleines Solo bei 2:28 lockert den Sturm auf. 4:03 stammt direkt aus dem Black-Metal-Lehrbuch, Break und ein monotoner Tremolo-Riff in der Distanz. Dann ab 5:04 mit Blast Beat und fantastischen Vocals, die wir sonst höchstens von Mayhem erwarten dürfen.
7. Primordial – Exile Amongst The Ruins
Seit ihrem Durchbruch haben Jedermanns Lieblings-Iren nicht nur ihren ganz eigenen Sound zwischen Folk/Celtic und Black Metal gefunden, sondern sich auch zu einer der großen Konsens-Bands im gesamten Metal entwickelt.
Ich habe diesen Song gewählt, obwohl er keineswegs repräsentativ für die ganze Musik ist, aber dafür, dass sie immer noch manchmal neue Pfade probieren. Geplant als instrumentales Zwischenstück, hat es sich der Sänger nicht nehmen lassen ab 1:40 trotzdem mitzumachen. Von 2:47 weg mit der ganzen Bandstärke, aber sonst passiert nicht viel im klassischen Sinn. Ein ruhiges, melancholisches Zurückblicken auf alles, was man anders machen hätte können. Grandiose Nummer. In der Bonus-CD auch verfügbar als eigentlich geplantes Instrumental. Außerdem eines der wenigen Alben, bei denen sich die Bonus-CD auszahlt, mit zusätzlich zwei Coverversionen von alten irischen Volksliedern.
6. Rivers of Nihil – Where Owls Know My Name
Seit Jahren beobachten wir diese Band, ob sie ihr Talent endlich in eine kompakte Form gießen. Ihr letztes Album war vielversprechend und das aktuelle schließlich das erste, welches auch den Weg in meinen Besitz fand. Als spannender Mix aus vielleicht Fallujah und Psycroptic finden sich Technik, Atmosphäre und Anklänge von Post Metal in ihrem Death Metal.
Der Hauptriff ist zwar höchst simpel, aber großartig, ich kann nichts dagegen machen. Böse stampfend verschieben sie die offenen Anschläge zwischen dem Palm Muting herum und zeigen, dass sogar im Tech Death manchmal weniger mehr ist. 1:07 ist zwar schneller, fühlt sich aber nicht so an, und bleibt super eingängig. 2:43 klingt, als ob hier das ruhige Gitarrensolo kommt, aber stattdessen kommt nach den ersten Vorstelltönen bei 3:23 zuerst ein Saxophonsolo, weil seit wenigen Jahren Saxophon unbedingtes Muss jeder Band ist, die etwas auf sich hält und sich mit Prog schmücken möchte. Hier funktioniert es aber gut, ungezwungen und bei 4:48 sogar über einer schnellen Passage. Sie mögen von einem fehlerhaft geführten Leben singen, haben es aber ganz ausgezeichnet vertont.
5. Obscura – Diluvium
Aus den vielen Bands, die sich auf Necrophagist als Paten berufen, steht diese sogar in mehr oder weniger direkter personeller Nachfolge. Nach dem großen Split vor einigen Jahren, haben sie zwar schon wieder den Lead-Gitarristen verloren, aber auch der jetzige macht seine Sache ganz ausgezeichnet und hilft der Band, ihren eigenen Sound weiterzuführen.
Dieser Sound steht für Technik und den für mich unguten Zwang, mit dem Vocoder nach Cynic klingen zu wollen. Hier zuerst einmal nichts davon, und bei 0:47 und spätestens 1:11 wird klar, dass wir es mit einem klassischen, aber für diese Band eher ungewöhnlicheren Death-Metal-Stampfer zu tun haben. 1:59 streut altbekannte Gitarrenlicks darüber, aber der Song bleibt langsam. Das Break bei 3:05 führt über ein kleines Basssolo in 3:32 und ein Gitarrensolo. Etwas längere Soli dann noch bei 4:26 und 5:29, um die Technikfans zufrieden zu stellen.
4. The Ocean – Phanerozoic I: Palaeozoic
Analog zu Death Metal könnte man sagen, dass seit dem Ende von Isis auch im Post Metal der Thron unbesetzt ist. Um dessen Nachbesetzung sollen sich aber andere kümmern, jedenfalls ist The Ocean sicher eine der spannendsten Bands in diesem Bereich.
Und was wäre spannender als Post Metal gemeinsam mit dem Klargesang von Jonas Renkse, seines Zeichens Sänger der derzeit (offiziell nur) pausierenden Katatonia? Zunächst aber ein ruhiges Intro mit Cello, und ab 2:13 bringt er die schwebende Melancholie seiner Hauptband bis zu 3:16 und einem zurückhaltend mächtigen Refrain. Ab 5:10 wird er von den regulären harschen Vocals der Band unterstützt und ab 6:12 abgelöst, was auch mit einem deutlichen Stimmungswechsel einhergeht. Ab 8:53 und noch mehr 9:10 dann zusätzlich der Klargesang des regulären Sängers, der beides macht.
3. Beyond Creation – Algorythm
Eine der jüngeren Bands aus Montréal, die sich aber mit einem fantastischen Debüt unmittelbar in die Notizbücher der aufmerksamen Beobachter gespielt haben. Ihr Nachfolger hat sie endgültig als einen der heißesten Namen im aktuellen Tech Death etabliert, da kommt das oft entscheidende dritte Album gerade recht, sich weiterzuentwickeln und zu zeigen, dass der Weg zum Thron auch über sie führt.
Für den ungeübten Hörer ist es womöglich schwierig, hier alles gleichzeitig zu erfassen, weil es sich im Prinzip um ein einziges Highlight-Tape technischen Könnens handelt. Wir teilen den Song in zwei Hälften und hören in der ersten die klassischen, melodischen, aber schnellen und teils brutalen Riffs, die mit dem Bass und dem Gesang um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Das Break bei 2:54 läutet die instrumentale Hälfte des Songs ein, die es uns erlaubt, uns etwas mehr darauf zu konzentrieren, was hier eigentlich alles passiert. Zum Beispiel gleich bei 3:23 eines ihrer Trademark-Soli des neuen Bassisten.
2. King Goat – Debt Of Aeons
Die beste Entdeckung dieses Jahres! Zwar schon ihr zweites Album, aber noch wenig bekannt, weckte die Bezeichnung Progressive Doom Metal mein Interesse. Einmal reingehört, und ich war sofort hellauf begeistert davon. Doom ist ja nicht bekannt für progressive Experimente und so, wie ich mir nichts darunter vorstellen konnte, so schwer ist es auch zu beschreiben. Wie Candlemass mit Primordial und Tool, und das kann voll daneben oder eben wie hier voll aufgehen.
Wir beginnen eher flott, aber normal für Epic Doom. Hören wir wie bei 0:37 der Triolen-Rhythmus in einen geraden übergeht? Vermutlich nicht, weil da der Sänger seinen Mund öffnet und den Raum mit Regenbogen füllt. Was für eine Stimme. Wie die Regenbogenseifenblasenblumen von 2:08 bei 2:23 vom besten Riff des Jahres durchschnitten werden. Wie wiederum dieser sich ab 2:40 mit diesem göttlichen Refrain abwechselt. Aber dann das Break, 3:52, es wird ruhig, unser bisheriges Beobachten der Wechsel von Triolen auf Achtel erweitern wir begeistert auf die Wechsel zwischen 5/8- auf 6/8-Takten. Wie schön und ruhig das dahinfließt. Der sanft streichelnde Gesang dazu. Aber irgendwas baut sich hier doch auf? Es wird dichter, lauter, mehr. Wieso schreit er denn plötzlich? Was passiert hier? Ist das der gleiche Sänger? Wieso hören wir plötzlich Black Metal? Was passiert hier? Was ist hier passiert? Der angeraute Klargesang zum Abschied ab 5:30 klingt auf einmal wie ein fieser Trick. Ein Künstler. Ein Künstler mit Künstlern. Von unbekannt auf Platz 1 geht doch nicht, dachte ich noch, aber beinahe wär das tatsächlich der völlig verdiente Fall geworden.
1. Gorod – Æthra
Aber dann ereignet sich Historisches live vor unseren Augen! Zum ersten Mal, seit ich das hier mache, wiederholt nämlich eine Band ihren Jahrestriumph. 2015 dachte ich, es sei dem insgesamt eher schwächeren Jahr geschuldet, und so haben sie sich nie angefühlt wie eine Lieblingsband. Aber heuer war ich bei einem Konzert von ihnen und hab realisiert, dass ich jedes Album von ihnen habe, quer durch Österreich zu Konzerten fahre und sie schon wieder am Album des Jahres anklopfen. Schlussendlich haben sie es also geholt, und zwar verdient, weil ihre Musik einfach in direkter Verbindung zur Ausschüttung von Glückshormonen steht.
So viele Bands schütten uns stattdessen zu mit Ideen, mit Technik, mit Effekten, aber wenn wir schon die ganze Zeit vom Thron reden, das haben Necrophagist so nicht gemacht und auch Death ganz bestimmt nicht. Im Sinne des Namedroppings schlage ich zur Beschreibung eine Mischung aus Necrophagist und Cynic vor. Als ob sich Cynic nicht weg vom Death Metal, sondern hin entwickelt hätten. Technisch, aber mit genug Luft zum Atmen, jazzig, aber nicht hektisch, melodisch, aber nicht belanglos und mit Klargesang experimentierend, aber nicht erzwungen. Und der Sänger hat Kunstgeschichte studiert und schreibt hier ein Konzeptalbum zu volkstümlichen Geschichten über den Mond in verschiedenen Kulturen. Nein, mehr Metal geht nicht.
All diese Merkmale hören wir im letzten Song des Albums vereint, der melodisch-schneidende Beginn, das rhythmische Break bei 1:41. Wie sich der Song ab 2:05 aufbaut, epischer wird, der Gesang diesen klaren Einschlag bekommt und schließlich das alles bei 2:57 in dieses gottgleiche Solo mündet. Dieses geht nahtlos in den nächsten Riff über, da sie auch für diese häufig Tapping verwenden und die Übergänge zwischen Solo und Riff dadurch so wunderbar fließend werden.
Fazit: Am Thron spricht man französisch! Das wäre an sich keine Überraschung, aber es geht nicht um Québec, sondern tatsächlich um Frankreich. Zumindest einmal, bis First Fragment ihr zweites Album im 10-Jahres-Rhythmus herausbringen …
PS: Ein großer Teil meiner Fangemeinschaft hat mich im Sinne des einfacheren Hörens dieser Liste gebeten, diese doch auch auf Spotify zusammenzustellen. Sehr gerne:

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