Spezialerwähnung des Jahres

40 Watt Sun – Perfect Light

Weihnachten ist immer auch die Zeit des Wartens. Kinder warten auf ihre Geschenke, ihr wartet auf meine Top 10 und ich warte auf den Scheck von Mark Zuckerberg, weil Gerüchten zufolge meine Top 10 mittlerweile für 50 % des Traffics auf Facebook verantwortlich sind. Zuerst aber die jährliche Spezialerwähnung, die heuer schnell entschieden war. Vielleicht kennt ihr das ja, dass manche Lieder gern als gute Hochzeitslieder bezeichnet werden. Und irgendwann denkt man vielleicht selbst über diese musikalische Kategorie nach. Und vielleicht wird es dann plötzlich real. Und – vielleicht – habt ihr den perfekten Fall, dass ihr euch am Jahresanfang auf ein neues Album einer vertrauten Band freut, die CD zum ersten Mal einlegt und beim ersten Song sich alles nach Hochzeit anfühlt. Nach so einem Jahr kann ich dieses Album dann nicht einer gewöhnlichen Einordnung unterziehen, sondern danke Patrick Walker und 40 Watt Sun für ihre nach so vielen musikalischen Änderungen weit weg vom Metal immer noch einzigartige und berührende Kunst.

Top 10

Bevor ich euch jetzt zu meinen Top 10 des Jahr 2022 einlade, darf ich die nachweihnachtliche Stimmung der Dankbarkeit nützen und mich bedanken, dass aus irgendeinem Grund diese Tradition doch so gut ankommt. Ich mache das ja eigentlich nur für mich selbst, weil man halt überall Listen zum Jahresende findet, dann selbst auch damit anfängt und das auf Facebook teilt, wie man es früher halt so getan hat. Und irgendwie habe ich halt weitergemacht und jetzt werde ich tatsächlich regelmäßig von den verschiedensten Menschen darauf angesprochen, aber weiß nie so recht, wie ich reagieren soll. Lasst mich euch sagen, dass ich mich jedes Mal riesig freue und mich zutiefst geschmeichelt und dankbar fühle, es ist ja eigentlich nur ein kleines öffentliches Hobby von mir. Ich werde auf jeden Fall versuchen, euch auch heuer nicht zu enttäuschen, und freue mich wie üblich über Rückmeldung und Kommentare.

10. Wiegedood – There’s Always Blood At The End Of The Road

Nach dem Abschluss der Trilogie ihrer ersten Alben durfte man gespannt sein, ob jetzt eine größere musikalische Veränderung anstehen würde. Das ist nicht der Fall, wir bekommen immer noch modernen (Post) Black Metal, der geprägt ist von Gekreische aus der Irrenanstalt und Riffs aus dem Eiskasten. Kalt, schneidend und hypnotisierend legen sich die ewig wiederholten Riffs wie ein grell weißer Schleier über die Ohren. Auf Dauer etwas ermüdend, aber mit jedem Album wieder hörenswert.

9. Shape Of Despair – Return To The Void

Funeral Doom gibt es in kratzig und kuschelig. Ich mag beide, und hier haben wir einen ihrer besten Vertreter der kuscheligen Sorte. Kuschelig sollte man hier aber nicht falsch verstehen, das ist immer noch weltvergessen langsam, deprimierend und – für manche – wunderschön. Wir haben hier aber im Gegensatz zu anderen Spielarten eben auch einen abmildernden Teppich aus weiblichem Klargesang und Keyboards, der mir damals den Einstieg in dieses Subgenre erleichtert hat und heute sogar noch prominenter als auf früheren Alben ist.

8. Cult Of Luna – The Long Road North

Ich bin noch vergleichsweise kurz im Post Metal, aber Cult Of Luna ist seitdem Stammgast in meinen Top 10. Die Songs bauen sich über Minuten auf und wieder ab, wechseln harte und ruhige Passagen ab und bieten bei jedem Hören Neues. Das ist definitiv keine leichte Kost, aber wer es schafft, sich hinter die meterdicke Wand aus Musik und verzweifeltem Brüllen zu hören, wird belohnt mit feinfühliger, emotionaler Musik.

7. Psycroptic – Divine Council

Wenn wir ein neues Album von Psycroptic hören, sind unsere Erwartungen simpel: Riffs, Riffs und Riffs. Und das bekommen wir auch diesmal. Die Flirtereien mit Deathcore sind hinter uns, es gibt technischen, manchmal thrashigen Death Metal, der sich aber nicht in technischen Finessen verliert oder vor lauter Draufhauen auf anspruchsvolle Musik vergisst, sondern die Urtugend des Death Metal hochhält: Aggression.

6. Ateiggär –Tyrannemord

Second Wave Black Metal? Immer gerne. Ein Konzeptalbum über die Ermordung von Leo V. in Byzanz? Warum nicht. Basierend auf dem Stück „Leo Armenius“ von Andreas Gryphius? Ich würde es nicht anders wollen. Und das alles in Schweizer Dialekt? Shut up and take my money!

5. Behemoth – Opvs Contra Natvram

Wer hätte gedacht, dass Behemoth noch einmal so zurückkommen? Das ist keine rhetorische Frage, sondern sagt mir bitte, ob nur ich hier in meinen Erwartungen so falsch lag. Aber nachdem in den letzten Jahren Pomp und Instagram immer wichtiger wurde, hätte ich einfach nicht gedacht, dass sie noch einmal so ein Brett liefern würden. Klar, das ist immer noch pompös und instagrammable, aber auch richtig guter Black/Death Metal.

4. A.A. Williams – As The Moon Rests

Aufmerksame Leser wissen bereits von dem Phänomen, dass Metaller sich immer wieder bei bestimmten nichtmetallischen Singer/Songwritern wiederfinden und dass diese junge Künstlerin für mich einer der hellsten Sterne in dieser ausgesprochen dunklen Musik ist. Sie schafft es, mit ihrer Stimme und sparsamen Instrumentierung eine Atmosphäre aus Resignation und Niedergeschlagenheit zu erschaffen, die aber doch immer ein zentrales Gefühl von Hoffnung und Zufriedenheit vermittelt. Zusätzlich zur bekannten Schwere der Musik kommen hier verzerrte Gitarren, die dem Metal-Gefühl Nachdruck verleihen. Ich denke nicht, dass sie sich irgendwann tatsächlich für Metal entscheidet, aber wir dürfen sehr gespannt auf ihre weiteren Ideen sein.

3. The Halo Effect – Days Of The Lost

Wie funktioniert es, dass ich beim ersten Hören dieses Band-Debüts bereits jede einzelne Note kannte? Ganz einfach, die Mitglieder dieser Band sind allesamt ehemalige Mitglieder von In Flames gemeinsam mit dem Sänger von Dark Tranquillity, der bekanntlich das erste In-Flames-Album einsang. Für uns In-Flames-Jünger, deren liebstes Hobby es ist, sich über heutige In Flames aufzuregen, war das Bekanntwerden dieser Band also quasi der heilige Gral, in den wir all unsere Hoffnungen und Träume legten. Nun ist nicht alles Gold, was glänzt, aber wir konzentrieren uns auf den Glanz. Außerdem sind sie alle Profis und gute Songschreiber. Das merkt man spätestens nach den ersten beiden Songs, die wie das ganze Album an neue Dark Tranquillity und In Flames zur Jahrtausendwende erinnern, als sie im dritten Song einen klassischen Göteborger Triolen-Slayer-Beat auspacken und damit uns Old Schoolern freundlich zunicken. Ich bin ein unkomplizierter Mensch, und mein Herz schlägt – zum ausgesprochenen Entsetzen meines Kardiologen – im Göteborger Triolen-Rhythmus. Gib mir, was ich will, und ich stell dich auf mein Jahrespodest.

2. Deathspell Omega – The Long Defeat

Auch mit diesem Album beschreiten Deathspell Omega wieder neue Wege, aber diesmal etwas anders, als viele Fans es erwartet und vielleicht erhofft hätten. Es wird nämlich ein bisschen traditioneller. Das soll nicht heißen, dass es nicht immer noch dissonant und psychedelisch zugeht, aber es basiert auf herkömmlicheren Strukturen und ist vielleicht ein Stück zugänglicher. Als Gesamtkünstler veröffentlichen sie hier im Booklet eine Kurzgeschichte, die Grundlage für die Texte bildet. Diese Texte werden diesmal nicht nur vom umstrittenen eigenen Sänger der Band in die Welt gespuckt, sondern auch von den Sängern von Marduk und Mgła. Damit wird das Klangspektrum noch einmal erweitert und bleibt bei aller neu gefundenen Geradlinigkeit doch gewohnt düster und im besten Sinne hässlich.

1. Origin – Chaosmos

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album von Origin vergangen, und in dieser Zeit hört man sich zwar immer wieder gern durch ihre früheren Sachen, aber man verliert doch ein bisschen den Bezug dazu. Und wenn man Musik wie diese nicht so häufig hört, „weiß“ man zwar noch, wie das klingt und wie brutal das ist, aber theoretische Brutalität ist keine gefühlte Brutalität. Das heißt, bevor man dann beim neuen Album auf Play drückt, „weiß“ man zwar, dass das jetzt hart wird, aber meine Güte, man „fühlt“ es nicht. Aber wenn der erste Song loslegt, wird man schlagartig zurück in die Realität geholt. Die von ihnen als „Riffarps“ bezeichneten Riff-Arpeggios anstelle von Soli von früheren Alben sind zurück, der Bass macht die zweite Gitarre und die Atmosphäre und einige superlangsame Stampfer erschaffen eine nette Dynamik in dem ganzen Chaos(mos). Ich zitiere aus den Dankesworten des Schlagzeugers im Booklet: „Origin is coming back, and I don‘t know if I‘m ready.“

Und der bekannte Spotify-Service: https://open.spotify.com/playlist/51i3ltu6oK0qgZagHVOjyd…

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